Abnehmen

Achtsamkeit: Finde deinen Schlank-Knopf

Abnehmen funktioniert nicht mit Diäten, sondern mit Achtsamkeit, behauptet Experte Ronald Schweppe.

Frau Entspannung Achtsamkeit: Finde deinen Schlank-Knopf © Goodshoot/Thinkstock

Eigentlich lief jeder Feierabend bei Susann Müller (35) nach dem gleichen Muster ab: 20 Uhr, die Tagesschau-Melodie ertönt. Susann setzte sich mit ihrem Teller vor den Fernseher. Und während die Nachrichten des Tages vorbeirauschten, aß sie den (viel zu vollen) Teller nebenbei leer. Danach kuschelte sie sich mit dem Rest ihrer Lieblingsschokolade (die mit den ganzen Mandeln) gemütlich auf die Couch. „Diese Geschichte ist ganz typisch für unachtsames Essen“, erklärt Experte Ronald Schweppe. „Viele von uns essen nach bestimmten Reaktionsmustern - das ist wie so eine Art Autopilot. Wir schalten ihn im hektischen Alltag ein, um Ängsten und Emotionen besser begegnen zu können. Durch mehr inneres Gleichgewicht verschwinden unsere Probleme zwar nicht, wir nehmen aber wahr, dass wir uns in einer bestimmten Situation befinden, und können entsprechend reagieren.“

Kinderleicht abnehmen und den Körper dabei entspannen

Bei dieser Mind-Methode folgt man allerdings nicht einem vorgegebenen Konzept. Es geht vielmehr darum, dass man sein eigener Experte und Coach wird. Und so das Verhalten findet, das am besten zu einem passt. Denn nur wir selbst können entscheiden, welches der richtige Weg für uns ist. „Gerade bei Menschen, die viele Diäten gemacht haben, ist die natürliche Körperintelligenz oft verschüttet“, so Ronald Schweppe. Denn eigentlich reagiert unser Körper auf jedes Lebensmittel – leider lassen wir ihn meist nicht zu Wort kommen. Wenn er „satt“ sagt, ist der Fernseher viel zu laut, wenn er einen Apfel möchte, sind wir zu beschäftigt, ihm einen zu besorgen – und geben ihm stattdessen vielleicht sogar Schokolade. Basis des achtsamen Essens ist, dass wir wieder in Kontakt mit unserem Körper treten. Deshalb geht es bei Kursen oder Coachings auch weniger um Ernährungstipps. „Das wissen die meisten eigentlich ganz gut“, erklärt der Experte. Das Programm von Ronald Schweppe umfasst neben kleinen, alltagstauglichen Essübungen vor allem Meditationen zum Stressabbau, ein Tagebuch zum Erkennen von Essmustern und den sogenannten Body-Scan, bei dem wir unseren Körper wieder fühlen lernen. So kommen wir wieder ins Gleichgewicht und können aus dem ständigen Spagat zwischen Verzicht und Gönnen ausbrechen. Denn klassische Diäten nach dem Gut-und-böse-Muster saugen unsere Energiereserven auf. Achtsamkeit dagegen füllt sie wieder auf. Das heißt: Wir verlieren Pfunde, ohne gegen unseren Körper zu kämpfen. „So stoppen wir unseren alltäglichen Multitasking-Modus. Telefonieren, dabei kochen und die Waschmaschine anwerfen. Wie soll man sich denn da aufs Essen freuen?“

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Durch bewusstes Handeln entschleunigen wir unser Leben und schalten wieder von Fast Food auf Slow Food. Denn ganz ehrlich: Schmecken wir das Käsebrötchen überhaupt, das wir mittags beim Bäcker holen und im Laufen nebenbei essen? Fragen wir uns dabei: Mag ich den Käse? Ist die Tomate noch knackig? Wenn wir das aber tun, machen wir schon den ersten Schritt in Richtung achtsames Essen. Etwa sechs Wochen braucht unser Körper, bis er sich umstellt In einem waren sich Ernährungsforscher bisher einig: Wir wiegen zu viel, weil wir zu viel essen. Klingt logisch, stimmt aber nur zum Teil. Denn die einfache Formel „Weniger essen“ funktioniert leider nur selten. Dass Achtsamkeit unserer Figur guttut, wurde in den USA schon in den 1980er-Jahren entdeckt. Damals berichteten Teilnehmer von Stressabbau-Kursen, dass sie deutlich abgenommen hätten – ohne dass Essen bei den Kursen eine Rolle gespielt hatte. Aber erst in den letzten Jahren hat sich auch die Forschung intensiver mit dem Thema beschäftigt. Die Ergebnisse sind für Ronald Schweppe eindeutig: „Achtsamkeit verändert unser Essverhalten nachhaltig.“ Allerdings können wir keine Ergebnisse nach dem Hauruck-Prinzip erwarten. Um den Schalter in unserem Kopf umzulegen, also den Autopiloten beim Essen auszuschalten, benötigen wir etwa sechs Wochen. Dann aber haben wir es geschafft, unsere üblichen Essmuster (stressiger Tag, also gibt es zur Belohnung noch was Leckeres auf der Couch) langfristig zu durchbrechen. „Dabei kann man die einzelnen Techniken ganz individuell seinem Tagesablauf anpassen. Ideal wäre zum Beispiel morgens ein Body-Scan oder eine Meditation von etwa 15 Minuten. Und dazu noch ein paar kleinere Übungen verteilt über den Tag – das bringt meist mehr als eine einzige große“, so Ronald Schweppe.

Eine clevere Schlank-Taktik: verschieben statt verbieten

Für alle von uns, die gern am Nachmittag im Büro naschen, empfiehlt Ronald Schweppe die sogenannte Noch-nicht-Technik: „Eigentlich ein ganz simpler Trick, aber ich habe im Selbstversuch festgestellt, dass es wirklich klappt.“ Dabei schieben wir das Stückchen Schokolade ganz bewusst mehrmals auf. Jetzt noch nicht, ich gehe erst die Post holen. Jetzt noch nicht, ich mache vorher noch den wichtigen Anruf. Nach dem dritten Mal, verspricht der Experte, können wir uns fragen: Habe ich überhaupt noch Lust auf Schokolade? „Und in den meisten Fällen wird die ehrliche Antwort ein Nein sein. Dadurch, dass wir aufschieben, unserem inneren Schweinehund aber kein strenges Verbot auferlegen, sind die Anforderungen an Disziplin und Energie geringer.“ Warum aber haben wir immer das Gefühl, dass andere das besser können als wir? Die Kollegin nebenan hat den gleichen Stress. Und sie knabbert doch auch nicht den ganzen Tag an der Tafel Schokolade? „Das ist wie mit Klavierspielen, im Grunde kann es jeder. Manche sind einfach Naturtalente, hören einmal ein Lied und können es nachspielen. Andere üben einmal pro Woche, und die Dritten sitzen jeden Tag am Klavier. So ähnlich ist es mit der Achtsamkeit – man kann sie ganz individuell trainieren!“

Die eigentliche Ursache für mein Übergewicht war Einsamkeit

Susann Müller (35), Juristin: Ich war eines dieser Mädchen, die in der Pubertät wie ein Hefekloß aufgingen. Ich war viel allein zu Hause und der Fernseher mein bester Freund. Bis vor zwei Jahren habe ich abends beim Nachhausekommen als Erstes den Fernseher eingeschaltet, dabei gekocht und natürlich auch gegessen. Ganz ehrlich, ich habe es achtlos in mich reingestopft. Das hinterließ natürlich Spuren, die ich mit verschiedensten Diäten erfolglos bekämpfte. In der Zeitung las ich von einem VHS-Kurs „Achtsam abnehmen“. Zuerst war ich skeptisch, klang ja ziemlich esoterisch. Aber die Techniken, vor allem der Body-Scan und das Tagebuch, haben mir geholfen, meine emotionale Problemzone, die Einsamkeit, zu erkennen! Seitdem esse ich ganz anders – und wiege zehn Kilo weniger.