Interview "Warum krank sein, wenn man auch gesund sein kann?"

Krankheiten passen nicht ins Bild unserer „gedopten“ Gesellschaft, behauptet der Autor Bert Ehgartner und plädiert dafür, wieder mehr auf den Körper zu hören

Warum krank sein auch gesund sein kann "Warum krank sein, wenn man auch gesund sein kann?" © Danel-Fotolia

Herr Ehgartner, Sie sagen: Wer ab und zu krank ist, bleibt auf lange Sicht gesund. Wann hat es Sie zuletzt erwischt?

Vor rund drei Monaten hatte ich einen viralen Infekt mit allem, was so dazugehört – Erkältung, Glieder-schmerzen, Abgeschlagenheit. Nach zwei Tagen ging es mir aber schon wieder besser.

Und warum war dieser Infekt nun gut für Ihre Gesundheit?

Weil er so etwas wie eine Feuerwehrübung für meinen Organismus darstellte. Oder anders gesagt eine Bewährungsprobe, damit mein Immunsystem nicht ein-schläft. Übrigens eine Erklärung dafür, warum jeder Erwachsene im Schnitt zwei bis drei solcher Erkrankungen pro Jahr durchlaufen sollte.

Unser Immunsystem muss also im Training bleiben …

Genau. Es gab Zeiten, da wurde das Immunsystem von der Forschung eher als primitiver, starrer Militärapparat verstanden, der Feinde wie Bakterien und Viren bekämpft. Heute weiß man, dass es sich um einen ausgereiften und faszinierenden Apparat handelt, den die Wissenschaftler neben dem Gehirn als zweites denkendes und lernendes System des Menschen bezeichnen. Wenn wir zur Welt kommen, ist unser Immunsystem kaum entwickelt und besitzt noch keine Gedächtnisfunktion.

„Viele haben die Fähigkeit zu fiebern verloren. Wer krank ist, leidet eher unter diffusen Schmerzen, fühlt sich matt.“

Das muss auch so sein, damit es während der Schwangerschaft nicht mit den „fremden Zellen“ der Mutter in Konflikt gerät. Erst nach und nach „lernt“ das Immunsystem durch den Kontakt mit Keimen und Bakterien, das heißt durch erfolgreich bekämpfte Infekte, und gewinnt Immunität gegen Krankheitserreger. Dieser Reifungsprozess ermöglicht es ihm, bis ins hohe Alter für uns die Rolle des Gesundheits-Schutzengels zu übernehmen.

Wenn Kinder krank sind, heißt es: Ab ins Bett. Viele Erwachsene aber gehen mit Erkältung zur Arbeit – eine zusätzliche Belastung fürs Immunsystem?

Ja, jeder Arzt rät Ihnen, sich auszukurieren, weil es sonst lebensgefährliche Folgen haben kann. Ich erzähle oft die Geschichte eines Fitnesstrainers. Er ist trotz Grippe zur Arbeit gegangen, weil ihm niemand seine Aufgaben abnehmen konnte. Die Infektion schlug ihm aufs Herz – heute lebt er mit Spenderorgan. Ohne Notoperation wäre er schon tot. Es gibt ernst zu nehmende Warnzeichen, seinen Körper zu schonen. Nur so kann das Immunsystem den nötigen Reparaturprozess abschließen. Und schließlich bringt es auch dem Arbeitgeber nichts, wenn ich als Virenschleuder meine Kollegen anstecke.

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Bert Ehgartner