Kolumne Amelie Fried Kleine Überlebenskünstler

Amelie Fried stellt fest: Wir können froh sein, wenn unsere Kinder so viel Fürsorge überstehen

Kleine Überlebenskünstler Kleine Überlebenskünstler © Alex Yeung-Fotolia

Ein Kind kommt zur Welt, unschuldig, rein und weitgehend schadstofffrei. So soll es unbedingt bleiben, deshalb kochen wir seine Schnuller aus, füttern es mit Bio-Kost, wickeln es mit Öko-Windeln und kleiden es in Strampler aus pestizidfrei angebauter Baumwolle. Wir lesen ihm literarisch wertvolle Bilderbücher vor, beschenken es mit pädagogisch sinnvollem Spielzeug und verbieten ihm das Fernsehen, auf dass seine zarte Seele nicht verschmutzt werde. Spätestens wenn das Kind einen Kindergarten besucht, gerät es allerdings unter bedenklichen Fremdeinfluss, der nicht mehr vollständig kontrollierbar ist. Schon bringt es grässliche Comic-Hefte oder giftige Filzstifte mit nach Hause und überfrisst sich beim ersten Kindergeburtstag an Berliner Pfannkuchen (Igitt! Zucker und gehärtetes Pflanzenfett!).

Panik bricht aus. Der mütterliche Machtbereich ist bedroht, die angestrebte Perfektion rückt in weite Ferne. Täusche ich mich, oder sind die Mütter von heute verspannter als jede Müttergeneration zuvor? Früher achtete man weniger auf Ernährung, die meisten Schadstoffe kannte man noch gar nicht, und Kinderkrankheiten bekam man eben. Früher gab es keine Sicherheitssitze fürs Auto, keine Fahrradhelme, Skihelme oder Rückenprotektoren – trotzdem haben die meisten Kinder ihre Kindheit überlebt. Ist ja schön, dass man heute mehr für die Sicherheit seines Nachwuchses tun kann, aber der Wahn, jede Gefahr ausschließen zu wollen, macht unsere Kinder unfrei und unglücklich. Je mehr wir sie kontrollieren und einschränken, desto ängstlicher und lebensunfähiger werden sie.

Und je älter sie werden, desto energischer entziehen sie sich eh unseren Kontrollversuchen. Irgendwann sind wir fast dankbar, wenn sie außer Fast Food und Cola noch etwas anderes zu sich nehmen, weniger als fünf Horrorfilme pro Woche ansehen und nicht öfter als einmal im Monat betrunken nach Hause kommen. Wenn sie außerdem hie und da ein Buch lesen, den Kontakt zu einigen Freunden pflegen und manchmal einen vollständigen Satz von sich geben, halten wir unsere Erziehung schon für ziemlich gelungen.

Unsere einst hohen Ansprüche an uns selbst sind auf ein Minimum geschrumpft; wir sind heilfroh, dass wir die Blagen überhaupt groß bekommen haben – allen Gefährdungen zum Trotz. Wie robust Kinder sind, zeigt sich daran, dass sie die übertriebene Fürsorge in der Regel unbeschadet überstehen. Ein wahres Wunder!

 
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Amelie Fried