Fehlende Muttergefühle Krankheit Babyblues

Kein Gefühl für das eigene Baby, stattdessen nur Leere, Verzweiflung und Erschöpfung: Aus Scham sprechen die meisten Betroffenen nicht darüber. Nina Buntschuh (32) war mutig genug, uns von ihrer Krankheit zu erzählen.

Babyblues Krankheit Babyblues © istockphoto

Es war schon Abend, als ich das Haus verließ. Wir wohnten in einer Neubausiedlung am Rande einer Kleinstadt. Steffen, mein Mann, war noch nicht von der Arbeit zu Hause. Doch ich musste weg, einfach weg! Ich lief die Straße entlang Richtung Wald. Es regnete in Strömen, aber das bemerkte ich nicht. Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen, ohne irgendetwas zu denken, ohne irgendetwas zu spüren. Ich war wie erstarrt, blind, taub, empfindungslos. Am nächsten Tag kam ich im Krankenhaus wieder zu mir. Ich wusste nicht, was geschehen war, hatte einen Blackout. Total apathisch lag ich im Bett und dämmerte vor mich hin. Als Steffen mich besuchen kam, drehte ich mich weg. Ich wollte niemanden sehen, auch ihn nicht. Seine Fragen konnte ich eh nicht beantworten.

Hilfe für Mütter
Eine Mutter und ihr Baby - wie endwickelt sich die Mutter-Kind-Beziehung im Laufe des Lebens?

Mütter haben es im Alltag nicht immer einfach. Leichter wird es mit folgenden Beiträgen: 

 Mütter müssen nicht perfekt sein
 Streit um den Kinderwunsch
 Beschwerden ohne organische Ursache

Viele weitere Beiträge über das Thema Gesundheit finden Sie hier >>

Zwei Wochen blieb ich im Krankenhaus. Man gab mir Medikamente, die meinen Zustand etwas verbesserten. Laut Diagnose litt ich unter einer postpartalen Depression, einer Steigerung des sogenannten Babyblues, die sich bei mir bis zur Psychose ausgewachsen hatte. Eine anschließende Therapie sollte mich aus dem dunklen Tal herausholen, in dem ich mich befand. Spielende Kinder hatten mich im Wald gefunden, wo ich mich unter einem Busch verkrochen hatte. Ich zitterte am ganzen Körper, war vollkommen verwirrt und nicht ansprechbar. Als Steffen mich im Krankenhaus abholte, war nur Schweigen, eine richtige Kluft zwischen uns. Vermutlich dachte er, ich sei verrückt geworden. Was sollte er auch sonst denken? Dieser Zustand hatte sich schon in den sechs Wochen zuvor angebahnt – seit Leons Geburt. Wir hatten uns so sehr auf unser Wunschkind gefreut.

Alles war vorbereitet. Steffen war bei mir im Kreißsaal gewesen. 22 Stunden Wehen. Ich war schon völlig erschöpft, bevor es richtig losging. Dann gab es Komplikationen – mein Baby musste mit der Saugglocke geholt werden. Ich fühlte mich damals körperlich völlig ausgewrungen, geradezu ausgeschlachtet. Dennoch hämmerten die Gedanken meinem Kopf. Nie zuvor in meinem Leben war ich mir so schwach und hilflos vorgekommen. Leon hatte danach zwar ein etwas deformiertes Köpfchen, war aber sonst ganz gesund. In den ersten Tagen zu Hause half mir Steffens Schwester Miriam. Ich war heilfroh, dass sie da war, denn ich fühlte mich völlig überfordert und hatte immer wieder heftige Heul-Anfälle. Natürlich führte ich das auf die anstrengende Geburt zurück, ebenso wie die Probleme beim Stillen.

 

1 2 3
 
Schlagworte: