Kolumne: Amelie Fried Eltern-Kind-Beziehungen

Amelie Fried ist eine überaus fürsorgliche Mutter. Leider lassen ihre Kinder es an Dankbarkeit fehlen

Krnakes Kind Eltern-Kind-Beziehungen © Jon Schulte - iStockphoto

Das Anstrengende an Kindern ist, dass sie erwachsen werden. Noch anstrengender ist allerdings, dass sie sich bereits für erwachsen halten, wenn wir sie noch für Kinder halten, also ab ungefähr zwölf. Ab diesem Zeitpunkt tun unsere Kinder alles, um uns auf den Moment vorzubereiten, in dem sie das Haus verlassen werden. Genauer gesagt: Sie tun alles, damit wir beginnen, diesen Moment herbeizusehnen. Sie sind aufsässig, geben Widerworte und nehmen absolut keinen unserer guten Ratschläge mehr an. Sie wehren sich wütend gegen jede Form der Bemutterung und empfinden es schon als Übergriff, wenn man bei minus fünf Grad anregt, eine Jacke übers T-Shirt zu ziehen. Für mich ist das furchtbar. Meine Kinder sind inzwischen neunzehn und sechzehn – und noch immer würde ich ihnen am liebsten morgens die Klamotten hinlegen und die Schulbrote schmieren. Ich würde sie gern den ganzen Tag begleiten und aufpassen, dass niemand ihnen was tut. Manchmal würde ich sie am liebsten zu Hause anbinden.

Deshalb liebe ich es, wenn meine Kinder krank sind. Ich meine, natürlich nicht schlimm krank, sondern gerade so krank, dass sie ermattet im Bett liegen und nicht mehr widersprechen können. Dann kann ich endlich das ganze Repertoire mütterlicher Fürsorge entfalten, von Tee mit Honig über Wärmflasche bis Wadenwickel – je nach Art der Erkrankung. Ich koche Hühnersuppe oder Haferschleim, fühle ihre fieberheiße Stirn und murmele beruhigende Worte. Ich verabreiche homöopathische Kügelchen und mache Quarkumschläge, und wenn schon die Mittel nicht helfen, so helfen doch auf jeden Fall Zuwendung und Aufmerksamkeit. Nicht nur, dass überhaupt kein Widerstand kommt – nein, manchmal ernte ich sogar einen dankbaren Blick oder ein ins Kissen genuscheltes „Du bist lieb, Mama“. Hach, wie gut das tut! Ich weiß: Kinder müssen sich abnabeln, dürfen uns doof finden, sollen ihren eigenen Weg ins Leben gehen. Nie würde ich mich ihnen dabei ernsthaft in den Weg stellen, im Gegenteil, ich tue alles, um sie dabei zu unterstützen. Aber die Momente, in denen ich noch mal so richtig Mama sein darf und meine Kinder für kurze Zeit wieder meine Babys sind, die genieße ich. Schließlich wird es nicht mehr lang dauern und andere werden ihnen die Stirn fühlen und Hühnersuppe für sie kochen. Dann werde ich traurig sein, aber auch ein kleines bisschen froh.

 
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Amelie Fried