Kolumne Amelie Fried Die wilden Großeltern von heute

Großeltern sind auch nicht mehr, was sie früher mal waren. Amelie Fried versteht, warum

Die wilden Großeltern von heute © Dmitriy Shironosov - iStock

Die wilden Alten Was waren das für herrliche Zeiten, als ein positiver Schwangerschaftstest den sofortigen Jäckchenstrick- Reflex bei der werdenden Großmutter auslöste und die glückliche Schwangere sicher sein konnte, nach der Niederkunft einen allzeit bereiten Babysitter zur Verfügung zu haben. Auch Opa ließ sich gern einspannen, er schreinerte eine Wickelkommode und strich das Kinderzimmer rosa oder hellblau.

Heutzutage ist alles anders. Auf die Mitteilung, sie bekomme ein Enkelkind, teilte meine Mutter mir mit, sie wolle auf keinen Fall Oma genannt werden, das mache alt. Außerdem stünde sie vorerst als Babysitter nicht zur Verfügung, sie plane gerade einen längeren Auslandsaufenthalt. Auch die Mutter einer Freundin reagierte wenig begeistert auf die frohe Botschaft: Wie könne die Tochter nur so dumm sein, mitten in der Ausbildung ein Baby zu kriegen. Sie solle bloß nicht glauben, dass sie ihr das Kind abnehme. Sie sei froh, dass ihr Jüngstes gerade zu Hause ausgezogen und sie endlich wieder ein freier Mensch sei.

Zur Ehrenrettung der beiden Damen muss ich sagen, dass beide begeisterte Großmütter wurden, als die Kinder da waren – allerdings zu ihren Bedingungen. Wenn sie Zeit und Lust hatten, kümmerten sie sich reizend um ihre Enkel. Aber wenn man sie wirklich gebraucht hätte, waren sie meistens mit anderen Dingen beschäftigt. Yoga-Kurse, Kunstreisen in die Toskana, ehrenamtliches Engagement – das Leben der Großmütter von heute ist ausgefüllt, und die Großväter stehen ihnen in nichts nach. Der eine geht den Jakobsweg, der andere umsegelt Kap Hoorn, der dritte gründet im Ruhestand eine eigene Firma und hat mehr Termine als je zuvor.

Soll ich Ihnen was sagen? Ich verstehe die Alten. Als meine Tochter mir mitteilte, sie wolle so früh wie möglich Kinder, erfasste mich blanke Panik. Ich will doch noch eine Weltreise machen, Spanisch lernen und Psychologie studieren! Frühestens mit siebzig will ich Großmutter werden! In düstersten Farben malte ich Paulina aus, wie sie mit einem schreienden Baby zu Hause sitzen würde, während ihre Freunde auf Partys gingen. Wie sie ihr Studium abbrechen oder gar nicht erst beginnen würde, wie sie, vom Kindsvater verlassen, als alleinerziehende Mutter enden würde. „Und noch was“, sagte ich drohend, „ich will auf keinen Fall Oma genannt werden.“ Trotzdem hab ich schon mal angefangen, ein Jäckchen zu stricken. Vielleicht bin ich ja gerade auf Weltreise, wenn das erste Enkelkind kommt.

 
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Amelie Fried