Kolumne Amelie Fried Der Club der hysterischen Mütter

Von morgens bis abends Sorgen um die Kinder. Amelie Fried über die Unfähigkeit loszulassen

Der Club der hysterischen Mütter Der Club der hysterischen Mütter © drubig-photo-fotolia

Manchmal stellt man zu seiner Überraschung fest, dass man Mitglied in einem Club ist, ohne davon zu wissen. Neulich, in einer ausgelassenen Weiberrunde, kamen wir auf das Thema „Tausend Gründe, warum man sich von morgens bis abends schreckliche Sorgen um die Kinder machen muss“. Eine Mutter beschrieb, wie sie jede Nacht aufschreckt und ans Babybett eilt, um zu prüfen, ob ihr Kind noch atmet. Eine andere erzählte, sie hätte ihren Sohn bis zum Alter von vierzehn Jahren im Ehebett schlafen lassen.

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(Der Sohn hat es überlebt, die Ehe nicht.) Eine Dritte rühmte sich, sie folge morgens heimlich ihren Kindern auf dem Schulweg, hinter Bäumen versteckt, um nicht entdeckt zu werden. Jede der Mütter versuchte, die anderen zu übertrumpfen und zu beweisen, dass sie die ängstlichste von allen wäre und den goldenen Hysterikerinnen-Orden verdient hätte. Die Schlimmste war übrigens ich. Ich bin tatsächlich eine so übertrieben besorgte Mutter, dass ich mich dafür schäme. Mich endlich zu outen war unheimlich befreiend!

Jetzt konnte ich erzählen, wie ich meinem Sohn die Regenjacke in die Schule nachgefahren und ihn zum Gespött der ganzen Klasse gemacht habe. Oder, schlimmer noch, wie ich eines Tages das Fußballtraining abbrechen ließ, weil ich nicht mit ansehen konnte, dass mein Junge bei Schneefall mit kurzen Hosen spielt. (Das ist schon Jahre her, aber ich glaube, seine Fußballkumpel lachen noch heute über mich.)

Dass ich jeden Morgen extra früh aufstehe, um meiner Tochter die Brotscheiben fürs Frühstück abzuschneiden, weil ich Angst habe, sie könnte sich am scharfen Messer verletzen. Dass ich nächtelang wach liege und mich frage, ob mein Sohn eine Freundin finden wird und wie ich verhindern kann, dass meine Tochter die Schule abbricht, weil sie Germany’s Next Topmodel werden will. Ich bin nicht stolz darauf, so zu sein. Viel lieber wäre ich eine dieser entspannten Mütter, die ungerührt zusehen, wie ihre Kinder mit dem Dreirad einen Abhang runtersausen oder mit einem Tapeziermesser Apfelschnitze schneiden. Die gut schlafen, auch wenn die Teenie-Tochter um drei Uhr früh noch nicht zu Hause ist, und zustimmen, wenn der Sohn nach Bestehen der Führerscheinprüfung mit fünf Kumpels nach Südfrankreich fahren will.

Stattdessen muss ich wohl einsehen, dass ich zum Club der hysterischen Mütter gehöre. Und wer will schon einem Club angehören, der einen als Mitglied akzeptiert?

 

 
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Autor:
Amelie Fried