Autor: Sibylle Royal
Wo bleiben die Schwachen in unserer Leistungsgesellschaft?
Druck auf schwache Schüler wächst
Prüfungen, Auslese, Versagensängste: Das Lernen ist in unserer Leistungsgesellschaft oft kein Spaß mehr. Familien stehen mächtig unter Druck – besonders, wenn die Kleinen keine Überflieger sind.
Sachsens Schüler sind die Schlausten! Bremen erneut Schlusslicht! Thüringen vorn, Hamburg Vorletzter! Schule heute im Jahr acht nach dem ersten PISA-Schock erscheint wie ein Wettbewerb, der nach den Spielregeln der Fußball-Bundesliga funktioniert: Wer hat die Stärksten, wer fährt die meisten Siege ein? Doch kaum einer erwähnt, dass Sachsen zu den Schlusslichtern bei der Integration behinderter Kinder an Regelschulen gehört. Oder dass in Bayern nur acht Prozent der 15-jährigen Gymnasiasten aus Arbeiterfamilien stammen – nach wie vor also Kinder aus bildungsfernen Schichten kaum eine Chance aufs Abitur haben. Und dass Jahr für Jahr mehr als 70 000 Jugendliche in unserer Republik die Schule ganz ohne Abschluss verlassen. Deutschlands Schulen haben ein Riesenproblem: ihren Umgang mit Schwäche!
Weitere Infos
„Die Schulkatastrophe“ von Kurt Singer beschreibt Schwächen des Schulalltags und zeigt Eltern Wege, ihre Kinder zu unterstützen. BELTZ, 16,95 EURO „Inklusive Schule“ von Pius Thoma und Cornelia Rehle stellt verschiedene Projekte schulischer Integration vor. KLINKHARDT, 18,90 EURO www.gemeinsamleben-gemeinsamlernen.de: Verein, der sich für ein integratives Schulsystem engagiert; berät auch Eltern.
Die ständige Frage heißt: Bin ich gut genug?
Als „kinderfeindlich“ bezeichnet Kurt Singer, Münchner Professor für Schulpädagogik und Pädagogische Psychologie, unsere Bildungseinrichtungen: „Schließlich müssten Schulen ein Ort sein, an dem Kinder Schwäche zeigen dürfen und Unterstützung beim Überwinden dieser Schwächen erfahren“, sagt der Autor von „Die Schulkatastrophe“. Stattdessen wird quer durch alle Klassenstufen abgefragt, getestet und verglichen. Prüfstatt Lernstätte sei die Schule heute, kritisiert Singer. Und ein Ort, an dem Kinder andauernd mit der Frage leben müssten: Bin ich gut genug? Eine Million Schüler betreten Singers Einschätzung nach Tag für Tag ihr Klassenzimmer mit dem Gefühl von Angst. Auch die Hamburger Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gitta Tormin beobachtet in ihrer Praxis eine steigende Zahl minderjähriger Patienten, „die unter Bauchschmerzen oder Migräne leiden und abends kaum einschlafen können, weil sie der Gedanke quält, am nächsten Schultag erneut zu versagen“.
Quelle: Für Sie, Ausgabe 12/2009

