Kolumne Amelie Fried
Freundschaften aus dem Netz?

Amelie Fried fragt sich, was Menschen dazu treibt, im Internet ihr Innerstes nach außen zu kehren
Freundschaften aus dem Netz?

Fast täglich erhalte ich Mails, in denen mir mitgeteilt wird, dass Achim oder Michi jetzt ihr Profil online gestellt haben und mich gerne zu ihren Freunden zählen würden. Ich frage mich, wie Achim und Michi überhaupt dazu kommen, da wir uns im wirklichen Leben kaum kennen. Oder ich erhalte die Nachricht, dass Sandra sich wünscht, mit mir zu chatten.Warum bloß? Unsere Gespräche sind immer völlig belanglos, und das soll ich mir nun auch noch online antun? Ich will keine neuen Freunde haben! Und chatten will ich schon gar nicht!

„Warum sollte ich allen mitteilen, wo ich mich aufhalte oder dass ich heute einen Schweinebraten gegessen habe?“

Ich kommuniziere in meinem Beruf den ganzen Tag, ich telefoniere, schreibe Mails, rede mit Leuten, und das Einzige, was ich mir danach wünsche ist: RUHE! Nie im Leben käme ich auf die Idee, mir selbst ein Internet-Profil einzurichten. Warum sollte ich ständig allen mitteilen, wo ich mich gerade aufhalte, dass ich heute einen Schweinebraten gegessen und zufällig einen früheren Kollegen auf der Straße getroffen habe? Wen interessiert das? Was treibt die Leute, ihr Leben bis ins kleinste Detail zu veröffentlichen, und woher nehmen sie bloß die Zeit, diese endlosen Selbstentäußerungen auf Facebook oder bei anderen Communitys zu verfassen und die von anderen zu lesen?

Offenzügigkeit, die den Job kosten kann. Da diskutieren wir über Datenschutz und den gläsernen Bürger – und auf der anderen Seite teilen Millionen von Menschen freiwillig mit, dass sie gerade einen Laptop gekauft haben, eine Diät machen und sich von Markus oder Jenny getrennt haben. Dazu zeigen sie Fotos, auf denen sie Wodkaflaschen schwenken, lustige Grimassen ziehen oder sich gerade hinter einen Blumentopf übergeben. Mal abgesehen davon, dass solche Fotos schon manchen Jobtraum haben platzen lassen, weil auch Chefs sich Zugang zu diesen Foren verschaffen können – allein die Vorstellung, dass diese Bilder ewig im Cyberspace unterwegs sein werden, lässt mich frösteln.

Am überflüssigsten von allen modernen Verbreitungsformen finde ich Twittern, das ständige Weiterzwitschern irgendwelcher Belanglosigkeiten von Handy zu Handy – auch wenn diese von Promis stammen. Möchte ich wirklich wissen, auf welcher Filmpremiere Ashton Kutcher war? Oder dass Paris Hilton sich eine neue Handtasche gekauft hat?Nein, möchte ich nicht. Das, was ich von Menschen wissen möchte, erfahre ich nicht im virtuellen Raum. Das erfahre ich, wenn ich ihnen gegenübersitze, wir uns in die Augen sehen und miteinander sprechen. Furchtbar altmodisch, ich weiß. Mir egal.


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Quelle: Für Sie, Ausgabe 24/2009

Amelie Fried

Autor: Amelie Fried

Amelie Fried, 51, ist Bestseller-Autorin und Fernsehmoderatorin („Die Vorleser“).
Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von München.