Seite 3 aus dem Artikel: Scheidungskinder
Experten-Interview

Eltern bleiben – an zwei Orten

Wie entwickeln sich Kinder ohne Papa im Alltag?

Professor Ruth Limmer, Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin an der Fachhochschule Nürnberg Für Professor Ruth Limmer ist das nicht nur wissenschaftlich von Interesse (siehe Buchtipp). Die Therapeutin berät auch Alleinerziehende

Kann es den Kindern schaden, wenn sie ihren Vater allenfalls am Wochenende sehen? Wenn es schlecht läuft, können sie Probleme in der Schule bekommen, schwerer im Berufsleben Fuß fassen, misstrauisch in Beziehungen werden, sich generell weniger wohl fühlen. Doch all das muss nicht sein, denn die negativen Auswirkungen entstehen nicht durch die Trennungssituation an sich, sondern durch bestimmte Begleitumstände. Etwa wenig Geld, ein falscher Erziehungsstil oder wenn Konflikte zwischen den Eltern nach der Trennung weitergehen. Aber: Die meisten Kinder entwickeln sich völlig normal.

Wie sollten sich alleinerziehende Mütter verhalten? Wichtig ist, dass Kinder durch die Trennung der Eltern nicht nur Nachteile sehen. Wenn der Papa nicht mehr so leicht greifbar ist, muss das auch etwas Positives bringen.

Was könnte daran positiv sein? Im Vorfeld der Trennung kommt es zwischen den Eltern oft zum Streit. Nach der Trennung tut es den Kindern dann sehr gut, wenn sie spüren, dass der Alltag entspannter wird und sich die Mutter beispielsweise wieder Zeit für das Kind nehmen kann, ohne in Gedanken noch beim letzten Streit mit dem Ex zu hängen. Und es empfiehlt sich fast immer, den Kontakt zwischen Kind und getrennt lebendem Vater zu unterstützen. Auch wenn man sich noch mit ihm streitet.

Aber was tun, wenn man mit den Erziehungsprinzipien des Ex-Partners nicht einverstanden ist? Tolerant sein – und bloß nicht glauben, man könne dem Vater jetzt noch Tipps geben. Das Gute ist, dass Kinder zwischen unterschiedlichen Wertigkeiten und Vorstellungen der Eltern unterscheiden und sich auch darauf einstellen. Also nur keine Sorgen machen, wenn das Kind am Tag nach dem Papa-Besuch anstrengend ist: Es braucht nur etwas Zeit, sich wieder an den Alltag bei Mama zu gewöhnen.

Buchtipps

  • Tanja Mühling/Harald Rost (Hrsg.): „Väter im Blickpunkt“ (Verlag Barbara Budrich, 19,90 Euro). Wie denken und handeln Väter heute? Welche Bedeutung haben sie für ihre Kinder? Und was, wenn sie nicht da sind? Neben Ruth Limmer klären sieben weitere Wissenschaftler aus der Familienforschung über Väter auf.
  • Horst Petri: „Das Drama der Vaterentbehrung“ (Reinhardt, 14,90 Euro). Welche Rolle Väter in Familien spielen und was es bedeutet, wenn sie zum Beispiel durch Tod völlig fehlen – mit vielen Beispielen will Psychoanalytiker Petri für diese Problematik aufrütteln.
  • Elke Fuhrmann-Wönkhaus: „Scheidungskinder“ (Humboldt, 8,90 Euro). Praktische Tipps für typische Probleme in der Trennungsphase – ein Buch, das Eltern schnell weiterhelfen will.
  • Remo H. Largo/Monika Czernin: „Glückliche Scheidungskinder“ (Piper, 9,95 Euro). Auch wenn Mama und Papa jetzt getrennt leben: Dieser Ratgeber zeigt anschaulich, wie Eltern es schaffen können, ihre Kinder trotzdem gemeinsam zu erziehen.

Klingt gut, falls das nicht manchmal die Kraft Alleinerziehender übersteigt ... Tatsächlich weiß man aus der Forschung, dass Alleinerziehende zu einem sogenannten permissiven Erziehungsverhalten neigen: Sie unterstützen ihr Kind sehr liebevoll und stellen Regeln auf. Gleichzeitig schrecken sie aber davor zurück, Konsequenzen zu ziehen, wenn sich das Kind nicht daran hält. Häufig steckt dahinter ein schlechtes Gewissen, weil sie wenig Zeit für ihr Kind haben oder weil ihm der Papa fehlt. Zudem sind Alleinerziehende oft erschöpft, Nachgeben spart Kraft. Doch auf lange Sicht tun sie keinem einen Gefallen: Eltern müssen berechenbar sein und Kinder erfahren, dass es etwas ausmacht, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Sonst eskaliert die Situation.

Wie können getrennt lebende Väter ihrem Kind helfen? Indem sie regelmäßig und zuverlässig Kontakt halten. Das Ausmaß an Zeit ist nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass sie nicht den Sonntagspapa spielen, der ständig nur Mega- Events plant. Sondern: Interesse zeigen, Unterstützung bieten und sich nicht scheuen, Grenzen zu setzen. Können andere Männer den fehlenden Vater ersetzen? Gerade mit der Pubertät wird für Kinder das geschlechtsgebundene Rollenverhalten wichtig. Männliches Rollenvorbild können aber auch Lehrer, Trainer oder ein Stiefvater sein: Mit ihm erleben Kinder auch, wie man als Paar seinen Alltag gut gestalten kann.

 


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© Sibylle Royal
Quelle: Für Sie, Ausgabe 06/2010