Autor: Almut Siegert
Viele Wege zum Glück
Weibliche Selbstbestimmung
Nie hatten Frauen mehr Chancen als heute, doch sind sie deshalb zufriedener? Über die Tücken, wenn man die Qual der Wahl hat
Eigentlich läuft doch alles rund: Wir können heute selbstbestimmt unser Leben gestalten, den Beruf frei wählen, Firmen gründen, entscheiden, ob und wann wir Kinder bekommen, heiraten oder es auch sein lassen. Frauen wollen sich heute weder modisch noch sonstwie in ein enges Korsett stecken lassen, sondern nutzen die immer größer werdende Spielwiese der Möglichkeiten.
Man stelle sich nur vor: Bis 1970 war es Hausfrauen nicht erlaubt, eigene Kreditgeschäfte abzuwickeln, und erst ab 1977 durfte eine Ehefrau ohne Zustimmung ihres Mannes einen Beruf ausüben. Heute nahezu unvorstellbare Verhältnisse. Stattdessen haben wir 2010 eine Frau als Kanzlerin, und fünf Bundesministerinnen gestalten unser Land. Zugegeben, sie bilden nur 33,33 Prozent des Bundeskabinetts. Aber wahrscheinlich ist es wirklich nur eine Frage der Zeit, bis ein Frauenanteil von 50 Prozent in der Ministerriege ganz selbstverständlich erreicht ist. In der Schule ziehen die Mädchen jetzt schon an den Jungen vorbei.
SIND WIR HEUTE UNGLÜCKLICHER?
Die vergangenen vierzig Jahre sind für Frauen also eine großartige Erfolgsgeschichte. Und jetzt das: In ihrer 2009 erschienenen Studie „The Paradox of Declining Female Happiness“ (Über das schwindende weibliche Glück) haben die beiden US-Forscher Betsey Stevenson und Justin Wolfers eine erstaunliche Feststellung gemacht: Frauen in den westlichen Industriestaaten scheinen nicht glücklicher, sondern unglücklicher geworden zu sein. Zahlreiche internationale Studien, in denen Frauen nach ihrem Glücksempfinden befragt wurden, haben Stevenson und Wolfers für ihre Arbeit ausgewertet.
Wie kann das sein? Für manche konservativen Kreise sind diese Zahlen natürlich Wasser auf ihre Mühlen: Hatte man nicht schon immer geahnt, dass Frauen sich besser auf Kinder und Haushalt konzentrieren sollten, statt zusätzlich noch Karriere, Erfolg und Gleichberechtigung anzustreben? Aber so einfach ist es nicht. Die stereotype Aussage „So schön wie damals wird’s nie wieder“ dürfte eher selten zu finden sein. Frauen bewerten, auch das ist wissenschaftlich belegt, ihre Lage im Schnitt besser als die ihrer Mütter und Großmütter. Woran kann es dann liegen, dass sie trotzdem nicht darüber jubeln – und glücklich damit sind? Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild schuf bereits 1989 den Begriff „the second shift“ (die zweite Schicht). Damit meint sie, dass Frauen zwar zunehmend in den Beruf gehen, aber ihnen die Arbeit zu Hause weiterhin bleibt. Ihr Fazit: Der Preis der Emanzipation ist die Doppelbelastung. 2010 hat sich daran schon einiges geändert: Männer beteiligen sich stärker als früher an den häuslichen Aktivitäten, wie Zeitbudget-Studien ergeben haben. Aber: Die Verantwortung liegt immer noch in Frauenhand. Männer helfen, Männer unterstützen, Männer babysitten. Aber wenn es hart auf hart kommt, wer geht dann zum Elternabend? Wer besorgt ein Geschenk für die Schwiegereltern?
Quelle: Für Sie, Ausgabe 06/2010



