Seite 2 aus dem Artikel: Tatort Ruhrgebiet
Treffpunkt Dortmunder Bahnhof
Treffpunkt Dortmunder Bahnhof. Die Autorin wartet bereits bei strahlendem Sonnenschein in ihrem Auto. Dass sie dabei die Taxibucht blockiert, scheint sie in keiner Weise zu stören: Wenn einer Ärger haben will, soll er kommen, sagt ihr Blick. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet – schwarze Hose, schwarze Bluse, schwarzes Haar und eine Sonnenbrille auf der Nase. Nur ab und zu zückt sie einen silbermatten Klappspiegel und zieht ihre Lippen mit einem blutroten Lippenstift nach. Grappas Geschichten spielen in Bierstadt, eine Chiffre für Dortmund. „Mein Verleger ist eher der ängstliche Typ“, erklärt Wollenhaupt. „Als ich gelesen habe, dass Dortmund die Stadt der Biere sei, habe ich Bierstadt als Synonym gewählt.“ Die Ängstlichkeit des Verlegers, dass sich in Wollenhaupts Krimis die eine oder andere Persönlichkeit wiederentdeckt, ist nicht ganz unbegründet: Die Autorin ist als Reporterin beim WDR immer da, wo etwas los ist; sie schaut ihre Fälle der Realität ab. „Deshalb brauche ich auch diesen Job – sonst hätte ich ja keine Erlebnisse mehr“, sagt sie lachend. Mittlerweile seien aber nicht mehr alle Politiker entrüstet, wenn sie sich plötzlich in ihren Büchern wiederfänden. „Manche sind sogar enttäuscht, wenn sie nicht auftauchen.“
Und die anderen müssen wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel machen – „sonst würde man sie ja für humorlos halten“. Früher arbeitete sie bei der „WAZ“ und wechselte dann zum Hörfunk. „Ich habe es einfach vermisst, längere Geschichten zu schreiben“, erklärt sie. Aus ihrer kleinen Leidenschaft ist ein ordentliches Repertoire an Büchern geworden: 20 Grappa-Krimis hat die Autorin bereits verfasst. Anders als sie selbst wohnt ihre Heldin in Dortmund- City. Hier kann sie schnell vor Ort sein, wenn wie in „Grappa und das große Rennen“ plötzlich der Bierstädter SPD-Chef tot aus den Blumenrabatten vor dem Rathaus gezogen wird.
Auch Jan Zweyers Figur Rainer Esch hat sein Büro im Zentrum. Herne, das ist auch heute noch die „Goldene Stadt“, sagt Zweyer. Das liege weniger an der Geschichte, sondern daran, dass Herne weniger stark von den Bomben des Zweiten Weltkriegs getroffen worden sei als andere Revierstädte. Am schönsten ist Herne an der Werkssiedlung der ehemaligen Zeche „Teutoburgia“. Sie entstand zwischen 1909 und 1923, und noch heute sind die 123 frei stehenden Gebäude fast vollständig erhalten. Natürlich spielt auch sie eine wichtige Rolle in Zweyers Romanen. So wird unsere Leiche im Wald frühmorgens von einer taubstummen Zeitungsbotin gefunden: Als sie im Dunkel des Morgens auf etwas Undefinierbares am Wegesrand stößt, steigt sie vom Rad ab und kann zunächst nicht erkennen, was da vor ihr im Dickicht liegt. Erst als sie den Vorderreifen per Hand in Schwung bringt und der Tatort im zittrigen Fahrraddynamo-Licht erscheint, sieht sie den Toten. Panisch rennt sie in die angrenzende Siedlung „Teutoburgia“, um dort Hilfe zu holen. Natürlich hat sie in diesem Moment keinen Blick für die Reize der Gegend. Für den Leser lohnt es sich aber allemal, nach einer spannenden Lektüre das Revier zu erkunden.
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Markus Ridder
Quelle: Für Sie, Ausgabe 09/2010

