Autor: Natalie Rösner
Privatleben
Schluß mit Perfektionismus
Im Job alles bestens machen? Gut. Aber auch noch im Privaten? Das ist definitiv zu viel! Das neue Glücks-Motto heißt: Wer weniger putzt, hat mehr vom Leben.
Nichts stresst mich mehr als Urlaub. Schon viele Monate im Voraus sitze ich vor dem Computer und surfe stundenlang nach den spektakulärsten Orten, den günstigsten Flügen, dem allerschönsten Ferienhaus. Ich forsche, ob es kinderfreundliche Restaurants gibt, wie sauber die Strände sind, was in der lokalen Zeitung über die Gegend steht und ob die Straße zum Haus asphaltiert ist. Es geht schließlich um diese wenigen Wochen im Jahr, in denen die ganze Familie frei hat. Und ich möchte, dass es dann perfekt für uns wird, auch wenn mein Mann den Kopf schüttelt und den Kindern herzlich egal ist, wohin wir fahren, solange sie dort Eis essen und im Sand buddeln können.
Wenn trotz aller Mühe der Urlaub am Ende nur mittelmäßig wird, trifft mich das tief. Das absolut Beste geben zu wollen – vielen Frauen ist dieser Anspruch vertraut. Meine Freundin Bea etwa ist schon lange vorher gestresst, wenn Gäste zu ihr kommen. Sie putzt Fenster, die es eigentlich gar nicht nötig hätten, arbeitet sich über Stunden durch Rezeptdatenbanken, um außergewöhnliche Gerichte zu finden, flitzt für den Einkauf feiner Zutaten durch mindestens fünf Geschäfte, staubsaugt am Tag der Einladung die ganze Wohnung, putzt das Bad und die Küche, bis alles blitzt. Und wenn der Besuch dann am Tisch sitzt, ist sie so erschöpft, dass sie den Abend gar nicht richtig genießen kann.
Warum streben wir ständig nach Höchstleistung? Warum legen wir uns derart ehrgeizige Maßstäbe an, die uns nichts bringen außer Unzufriedenheit? Weil wir in einer Welt leben, die uns in allen Bereichen das Beste abzuverlangen scheint: Bunte Werbeclips und große Plakate, Fernsehsendungen und Ratgeberbücher vermitteln den Eindruck, dass es ganz leicht ist, die perfekte Liebhaberin zu sein und gleichzeitig eine tolle Mutter. Eine gute Figur zu haben und einen super aufgeräumten Haushalt. Dass jede von uns einen großen Freundeskreis pflegen, aufregende Hobbys ausüben und im Büro das Beste leisten kann, wenn sie nur will. Über Jahre graben sich Überzeugungen in unsere Köpfe: „Gut ist nicht gut genug“, „Das kann ich doch noch besser, wenn ich mich anstrenge“, „Nur wenn ich alles perfekt mache, wird man mich mögen und loben“. Hinter unserer Anfälligkeit für solche Glaubenssätze verbergen sich nicht selten Ängste vor Ablehnung, vor Kontrollverlust, davor, den Arbeitsplatz zu verlieren – oder die Sorge, nicht liebenswert genug zu sein.
Quelle: Für Sie, Ausgabe 12/2011


