Interview
„Niemand will sich mehr richtig binden“

Die Gesellschaft ist toleranter geworden in Liebesdingen. Das ist gut, meint Hellmuth Karasek. Es kann aber auch zur Vereinsamung der Menschen führen
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Herr Karasek, in Ihrem gerade erschienenen Buch „Ihr tausendfaches Weh und Ach“ schreiben Sie über Männer und Frauen, Liebe und Treue, von der Sie sagen, sie sei nicht eine Frage der Moral, sondern der Bequemlichkeit und der Feigheit und dem Mangel an Gelegenheiten. Sobald wir die Gelegenheit bekommen, werden wir also untreu? Machen Sie es sich da nicht ein bisschen einfach? Finde ich nicht. Man kennt das ja aus der Literatur, und im echten Leben ist es nicht anders: Ein Mensch entscheidet sich bewusst für die Treue und gegen die Untreue. Doch dann lernt beispielsweise einer in Berlin die Sekretärin eines Abgeordneten kennen, und schon hat er ein Kind mit ihr. Geplant war das alles sicher nicht. Und das ist nur einer der Fälle, die bekannt geworden sind, die Spitze des Eisbergs sozusagen. Diesen Mann hat nun aber doch keiner gezwungen, fremdzugehen.

Ist es tatsächlich so schwierig, treu zu sein? Wir sind in der modernen Gesellschaft andauernd Reizen ausgesetzt. Das sieht man doch schon im Frühjahr mit der neuen Mode, ich denke dann immer: „Gott, sehen die alle wieder schön aus.“ Aber natürlich kann man den Vorstellungen nicht ständig nachgeben. Finden Sie Treue denn nicht wichtig? Oh doch. Sie ist sogar das Allerwichtigste. Aber es ist eben immer auch eine Doppelmoral. Man spricht über das eine und handelt dann doch ganz anders, wenn auch mit ungeheuer schlechtem Gewissen. „Das können wir Erika doch nicht antun“, sagt die beste Freundin, und dann geht sie doch wieder mit Erikas Mann fremd. Dabei ist die Anstrengung, die Menschen aufbringen, um die Institution Ehe aufrechtzuerhalten, aller Mühen wert.

Man kann ja auch gar nicht sein ganzes Leben lang jeden Tag mit der Leidenschaft leben. Sie beherrscht uns so sehr, dass wir dann gar nicht mehr ins Büro gehen und uns nicht mehr rasieren würden. Leidenschaft ist ein Ausnahmezustand, und irgendwann muss man da wieder rauskommen. Wenn man verliebt ist, sollte man also versuchen, möglichst schnell wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Aber ja. Nur mal angenommen, das Liebesdrama zwischen Romeo und Julia hätte bis zu ihrer Silberhochzeit angehalten. Das ist doch eine schreckliche Vorstellung. Beziehungen, die älter und ruhiger werden, sind doch auch etwas sehr Schönes. Man muss nicht mehr jedes Mal ein Fest veranstalten, wenn der andere nach Hause kommt. Wer bei uns zuerst da ist, bereitet das Essen vor, und dann setzt sich jeder mit seinem Buch aufs Sofa. Das ist viel natürlicher. Könnte aber auch schnell gähnend langweilig werden. Aber Langeweile ist besser als eine andauernde nervöse Aufgeregtheit. Wo bleibt sie nur? Was macht sie jetzt? Das ist doch nicht auszuhalten. Wie sollte man sich denn verhalten, wenn man den Verdacht hat, dass der eigene Mann fremdgeht? Nachforschen, Detektiv beauftragen? Ich halte es da mit Blaubart: Er hatte ein Zimmer, in das niemand reinschauen durfte. Wer es trotzdem tat, wurde mit dem Tode bestraft. Ich finde, man sollte nie überraschend nach Hause kommen, nie Briefe öffnen, die nicht an einen gerichtet sind, insgesamt nicht so misstrauisch sein. Das größte Drama über den Verdacht, der dann zur Tatsache wurde, ist „Othello“. Desdemona hat ihn nie betrogen. Aber Othello wird das eingeflüstert, er wird eifersüchtig, und so wird die Beziehung zerstört.


Schlagwörter: beziehung, ehe, psychologie
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Quelle: Für Sie, Ausgabe 01/2010

Autor: Interview: Susanne Strätz