Soziale Verschiebungen
Neulich in Tussenhausen

Amelie Fried verzweifelt, weil manche Mädchen Strähnchen im Haar, aber Stroh im Kopf haben
Neulich in Tussenhausen 0

Ein Münchner Bekleidungsgeschäft. Vor den Anprobekabinen stehen zwei Stühle. Ein höheres Töchterlein in teuren Designerklamotten sitzt auf dem einen, auf dem anderen hat sie ihre Handtasche und eine Tüte abgelegt. Ich frage: „Könnte ich mich wohl dort hinsetzen?“ Die Tussi verzieht das Gesicht und räumt demonstrativ langsam den Stuhl leer. Ich setze mich und werde Zeugin des Gesprächs, das sie mit ihrer Freundin führt: Tussi: „Ich muss echt Schuhe kaufen, ich halt’s in denen nicht mehr aus.“ (Zeigt auf ihre Stiefelchen.) Freundin: „Ja, ich muss auch Schuhe kaufen.“ (Sie trägt die gleichen Stiefelchen.) Tussi: „Ich hasse das, den ganzen Tag in denselben Schuhen rumzulaufen. Normal wechsle ich die zwei-, dreimal am Tag. Aber beim Shoppen geht das nicht, echt blöd.“ Freundin: „Ja, stimmt.“ Tussi (greift sich in die gesträhnten Haare): „Zum Friseur muss ich auch wieder. Ich war schon eine Woche nicht mehr da.“ Freundin (nickt): „Mmh“. Tussi (zieht ein Röhrchen aus der Handtasche): „Hast du schon mein neues Lipgloss gesehen? Das war echt teuer.“ Freundin greift nach dem Gloss. „Echt schön. Wie teuer war das?“ Tussi: „Na ja, so teuer auch nicht, nur 20 Euro.“ Undsoweiterundsoweiter.

Ich frage mich, was in diesen gesträhnten Köpfen vor sich geht. Welches Bewusstsein haben solche jungen Frauen vom Leben? Ich shoppe, also bin ich? Glück ist käuflich? Was kostet die Welt? Am Morgen desselben Tages habe ich eine Einrichtung besucht, in der Flüchtlinge betreut werden. Menschen, die verfolgt, gedemütigt, verletzt und vergewaltigt wurden. Kinder, die in ihrem ganzen Leben nur Krieg gesehen haben. Familien, die in einem Monat nicht das Geld zum Leben haben, was diese wohlstandsverwahrlosten Zicken an einem Nachmittag verschleudern. 

Ich fühle mich hilflos und wütend. Und dann stelle ich mir vor, wie ich die zwei Tussen am Kragen packe, sie in einer sozialen Einrichtung absetze, wo sie hilflosen Alten beim Waschen helfen oder benachteiligten Kindern bei den Hausaufgaben. Wo sie mit ihren Stiefelchen durch Dreck steigen und sich die Hände schmutzig machen müssen, weil die Welt nicht überall so sauber ist wie in Tussenhausen. Sie finden solche Gedanken lächerlich? Vielleicht sind sie das. Aber lieber mache ich mich lächerlich, als mich abzufinden. Ich finde, Jugendliche sollten das wirkliche Leben kennenlernen. Wie wäre es mit einem sozialen Pflichtjahr für alle? Meine Kinder machen eins, das verspreche ich.

 


Schlagwörter: amelie fried
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Quelle: Für Sie, Ausgabe 02/2010

Amelie Fried

Autor: Amelie Fried

Amelie Fried, 51, ist Bestseller-Autorin und Fernsehmoderatorin („Die Vorleser“). Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von München