Seite 4 aus dem Artikel: Mutterliebe - neue Forschungsergebnisse
Mütter müssen nicht perfekt sein
Aber das ist in der Regel kein Drama. Natürlich gibt es Ausnahmefälle, in denen es Müttern nicht gelingt, ihre Kinder auf eine gute, förderliche Art zu lieben oder sich gut um sie zu kümmern – weil sie zu viele Probleme mit sich selbst haben oder als Kind schlechte Erfahrungen machen mussten, die sie nun weitergeben. Psychologen haben herausgefunden, dass es Frauen, die selbst eine liebevolle, zärtliche Mutter hatten, deutlich leichter fällt, ihre Kinder ebenso zu behandeln. Mutterliebe wirkt eben ein ganzes Leben. Und so lange die Grundmelodie stimmt, können unsere Kinder sehr gut damit umgehen, dass Mamas Liebe in manchen Momenten weniger sprühend ist als in anderen.
Mutterliebe verändert sich über die Jahre. Sie wird nicht mehr oder weniger, sondern anders. Sie verändert sich mit ihren Aufgaben, und das ist gut und wichtig so! Denn liebten wir einen Dreijährigen auf die gleiche Weise wie einen Säugling oder eine Fünfzehnjährige so wie eine Siebenjährige – dem Kind täte es nicht gut. Damit Kinder sich in der Pubertät ablösen können, braucht es Mütter (wie Väter), die bereit sind, Distanz zu zulassen. Und einen Dreijährigen, dessen Bedürfnisse wir so umgehend befriedigen wie die eines Säuglings, bringen wir um die „optimale Frustration“, die er braucht, um sich gut entwickeln zu können. Anders gesagt: Eilen wir herbei, bevor nur eine Träne fließen kann, geben wir jeder Wut nach, weil wir den Zorn des Kindes nicht ertragen wollen, beseitigen wir jedes Unwohlsein, bevor es richtig gespürt wird, dann berauben wir unser Kind um die wichtige Erfahrung: Ich kann Kummer und Spannung aushalten. Ich kann mir selbst helfen. Der englische Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott hat daher das Konzept der „ausreichend guten Mutter“ entwickelt: Nach Beobachtung vieler Tausend Kinder und ihrer Mütter kam er zu der Überzeugung, dass eine Mutter dann ideal ist, wenn sie ausreichend Aufmerksamkeit und Versorgung bietet, aber auch nicht mehr. In Schulnoten ausgedrückt, wäre das eine Vier minus. Das klingt herzlos, ist es aber nicht. Denn nur so kann ein Kind die Erfahrung machen: Ich bin stark genug, um mit unerfüllten Bedürfnissen zu leben. Das ist doch eine beruhigende Nachricht und zudem ein guter Grund, sich nicht länger von einem überhöhten Mutterbild verrückt machen zulassen.
Buchtipps
Deborah Blum: „Die Entdeckung der Mutterliebe“ (Beltz, 348 Seiten, 24,90 Euro). Die Wissenschaftsjournalistin erzählt, wie der exzentrische US-Forscher Harry Harlow in den 1950er Jahren mit seinen Affenexperimenten umwälzende Erkenntnisse über die Beziehung von Müttern und Kindern gewann und damit, ohne es zu wissen, neue Wege in der Kindererziehung eröffnete.
Corinna Knauff: „Ich bin eine gute Mutter“ (Campus, 227 Seiten, 17,90 Euro). Die Diplom-Heilpädagogin, selbst Mutter zweier Kinder, erklärt, warum es Kindern besser geht, wenn ihre Mütter nicht ganz so perfekt sind.
Wenn ich dieses Jahr zum Muttertag von meinem dreijährigen Sohn ein zerknicktes Pappherz überreicht und von meiner achtjährigen Tochter ein Gedicht voller Rechtschreibfehler geschenkt bekomme, werde ich mich jedenfalls sehr freuen und im Geheimen denken: Das ist die perfekte Gabe für eure Vier-minus-Mama, die euch von ganzem Herzen liebt, aber trotzdem nicht selten lieber Zeitung liest, statt Dinosaurierhäuser zu bauen oder Klipp-Klapp zu spielen. Mütter müssen nicht perfekt sein. Kinder aber auch nicht. Der Liebe tut das keinen Abbruch.
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Almut Siegert
Quelle: Für Sie, Ausgabe 11/2010

