Seite 3 aus dem Artikel: Artenschutz für Männer
Mehr männliche Erzieher

Müsste es mehr männliche Erzieher und Grundschullehrer geben, damit Jungs richtig verstanden werden? Na ja, wenn die Männer verunsichert sind – und das sind sie ja heute –, dann sind sie auch keine guten Vorbilder oder Erzieher. Die schlichte Forderung „Mehr Männer in erziehende Berufe, mehr Väter zu Hause“ halte ich deshalb nicht für die perfekte Lösung.

Aber sind es nicht wir Frauen – als Mütter, Erzieherinnen, Lehrerinnen –, die die weiblichen Werte von Jungs einfordern? Jahrhundertelang haben Frauen allein die Kinder großgezogen. Und es sind ja trotzdem jede Menge Machos dabei rausgekommen.

Das stimmt. Es hat also eher etwas mit den Werten und Anforderungen an die Kinder zu tun, weniger mit der Frage, wer ein Kind großzieht. Eltern, Erzieher oder Erzieherinnen sollten ermöglichen, dass Jungs männliche Eigenschaften entwickeln können. Wir müssen dazu die Verhaltensstandards überdenken, an denen wir Jungs messen. Wenn wir Jungs nach weiblichen Maßstäben erziehen, werden wir ihnen nicht gerecht. Das ist dann nicht „artgerecht“.

Und wie gelingt uns das: dass der Mann wieder ein richtiger Mann wird? Wir müssten lernen, die Männer so anzuerkennen, zu respektieren und wenn möglich: zu lieben, wie sie sind. Es wäre gut, wenn wir einen liebevollen Blick auf ihre Eigenheiten werfen würden. Statt immer zu denken: „Das kann ich doch besser.“ Wir sollten sie endlich wohlwollend betrachten, uns für sie begeistern. Männer, die Männer sein dürfen, sind doch viel beeindruckender, gerade weil sie so anders sind als wir.

Wie sieht so ein männlicher Typ aus? Er hat ein gutes Selbstwertgefühl entwickelt und auf dieser Basis auch Selbstsicherheit und Zufriedenheit. Daraus kann – muss aber nicht – wiederum mehr Verantwortungsbewusstsein entstehen. Für sich selbst, für Kinder, für Frauen, die Gesellschaft etc. Manchmal begegnet man ja solchen Exemplaren, und das ist dann immer toll! Vorbildhaft könnten dafür übrigens Jungs im Alter von vier bis fünf Jahren sein. Die sind noch ganz selbstsicher und zufrieden mit ihrem „Jungssein“. Später wird es ihnen leider oft ausgetrieben.

Unsere Expertin

Hanne Seemann, 67, ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Sie arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg und als Buchautorin. Vor Kurzem erschien ihr neues Buch „Artenschutz für Männer“, Klett-Cotta Verlag, 230 Seiten, 16,90 Euro.


Und wer wäre für solch einen modernen Mann, für einen, der nicht Macho, aber doch männlich ist, ein erwachsenes Vorbild? Ich kenne ein paar. Denken Sie mal an den derzeitigen Helden Barack Obama.

Sie plädieren für das Recht auf Männlichkeit. Haben Sie eigentlich keine Sorge, dass die Feministinnen Ihnen aufs Dach steigen? Nein. Dafür gibt es auch keinen Grund. Ich bin ja nicht gegen Gleichberechtigung, Gleichstellung, Gleichbezahlung – im Gegenteil. Ich sage ja nur, dass wir Männer auch Männer sein lassen sollten. Man kann doch auch nicht sagen: Ich mag Giraffen, aber diesen langen Hals, den sollte sie sich abgewöhnen. Der gehört dazu, sonst wär’s ja keine echte Giraffe mehr. Und zum Mannsein gehören auch bestimmte Eigenschaften – ob es uns gefällt oder nicht!


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© Oda Albers
Quelle: Für Sie, Ausgabe 21/2009