Interview: „Männer sind wie Löwen im Zoo“
Artenschutz für Männer
Echte Kerle gibt’s kaum noch, umso mehr verbogene Geschöpfe ohne Freiräume. Die Psychologin Hanne Seemann, 67, fordert deshalb: Artenschutz für Männer
Frau Seemann, Sie sagen, Männer müssten unter Artenschutz gestellt werden – wie sollen wir das verstehen? Wir machen uns zurzeit viele Gedanken um Arten und Spezies, die wir weder besonders gut kennen noch mögen. Zum Beispiel das Schnabeltier: Es ist nicht schön, wir wissen kaum etwas von ihm, aber dennoch erscheint es uns interessant und erhaltenswert. Warum nicht den Mann so betrachten?
Der Mann ist vom Aussterben bedroht? Er wird natürlich nicht aussterben, aber er sollte uns erhalten bleiben – auf eine gute männliche Weise.
Wie meinen Sie das genau? Sehen Sie, ein Löwe im Zoo lebt auch, aber er kann sich nicht entfalten. Wir stehen davor und denken: Schöner Löwe! Und der Löwe denkt: Wenn du wüsstest, wie schön ich in der Savanne wäre!
Männer leben also wie im Käfig? Ein bisschen. Zumindest lassen wir sie nicht sein, wie sie sind. Viele Männer wissen selbst gar nicht mehr, wer sie sind – nur wer sie sein sollen. Es sind richtig verbogene Geschöpfe, eben wie die Löwen im Zoo.
Haben wir Frauen Schuld daran? Wir lassen ihnen vielleicht nicht mehr genügend Spielräume ...
Sie meinen, Männer brauchen mehr Freiheit? Ja. Sie müssen die Möglichkeit haben, spielen zu dürfen. Männer brauchen das! Spielen, besonders mit Freunden, tut ihnen gut. Wenn sie das nicht sozialverträglich ausleben können, werden aus ihnen Spieler an den falschen Stellen – sie sind Dauergast im Kasino, zocken an der Börse oder kämpfen mit Kollegen und in der Partnerschaft.
Beeinflusst unser Verhalten Männer tatsächlich so stark? Es geht nicht nur darum, dass wir ihnen zu enge Grenzen stecken. Zurzeit haben wir Frauen auch die Definitionsmacht. Wir legen für Jungs und Männer fest, was an ihnen richtig und falsch ist. Und wir finden, dass wir alles besser können – was ja oft auch stimmt. Aber wenn wir über Männer ständig abfällig und abwertend sprechen, ihnen das Gefühl geben, dass sie eigentlich nichts richtig machen, dann wirkt sich das sehr destruktiv und deprimierend auf das männliche Selbstbewusstsein aus.
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Oda Albers
Quelle: Für Sie, Ausgabe 21/2009



