Autor: Almut Siegert und Norbert Bogdon
Mehr Leichtigkeit im Alltag
Die Dinge leichtzunehmen ist manchmal gar nicht so leicht. Doch es gibt Mittel und Wege, wie man sich die Gelassenheit zurück in sein Leben holen kann.Es sind Tage wie diese: Schon beim Frühstück verheißt der Wetterbericht nichts Gutes. Im Briefkasten liegen nur Rechnungen. Die Beziehung bräuchte mehr Zeit, die Karriere einen neuen Schub. Und im Kopf ballt sich der Gedanke zu einer schwarzen Kugel zusammen: „Ich sollte, ich müsste...“ Alles scheint so bleischwer, so sorgenvoll. Halt, stopp! Das war doch mal anders. Wohin nur ist die Leichtigkeit entschwunden? Dieses vergnügte Bauchgefühl. Diese kitzelige Heiterkeit, die Gewissheit, dass schon alles gut wird, die man als Kind empfunden hat. Bedeutet Erwachsensein etwa, dass Verantwortung und Alltagsstress diese warme Quelle in einem versiegen lassen?
„Wie wir bestimmte Situationen wahr nehmen und auf sie reagieren, hängt weit weniger von äußeren Umständen ab, sondern vielmehr davon, was wir in dem Moment denken und fühlen“, sagt Thomas Hohensee, Coach für Persönlichkeitsentwicklung in Hamburg. Nicht allein die Fakten, sondern unser Blickwinkel auf sie entscheidet, wie wir reagieren: gelassen oder gestresst. Gereizt oder humorvoll. Angestrengt oder heiter. Und: Leichtigkeit hat zum Glück nichts mit Lebensjahren zu tun. Wir können auch mit 35, mit 50 oder 77 Jahren das Wunderbare im Alltag immer wieder entdecken, uns an verrückten Ideen erfreuen, herzhaft über ein Missgeschick lachen oder spontan mit Freunden in ein Konzert gehen und hinterher alle zu Pasta Arrabiata und Rotwein einladen. Vielleicht nicht immer und nicht jeden Tag. Aber doch in vielen Momenten.
„Unsere vornehmste Aufgabe ist es zu leben“, schrieb der französische Dichter Montaigne. Es ist nicht der große Sinn, den ein glückliches Leben braucht. Höher, schneller, größer, besser, perfekter – wir müssen das alles nicht. Oder zumindest viel weniger, als wir meinen. „Mit Freunden ein Bier trinken, in einem zärtlichen Moment die Aussicht genießen, beim Kaffee eine Zigarette rauchen, Ballspielen an einem Sommerabend, es sind verschwindend kleine Dinge, für die es sich zu leben lohnt“, meint der österreichische Philosoph Robert Pfaller. Leichtigkeit bedeutet, den Augenblick zu genießen: die Blumenpracht des Spätsommers, die Zwei-Sekunden-Verliebtheit in einen attraktiven Mann, der einem im Vorübergehen ein Lächeln zuwirft, oder das schöne Jazzstück, das aus dem Nachbarhaus herüberklingt.
DIE SICHT DER DINGE
Das Beste: All diese kleinen Freuden und heiteren Augenblicke machen nicht nur für den Moment glücklich. Sie verändern unser Lebensgefühl, unsere Sicht auf die Dinge und setzen eine positive Spirale in Gang. Und: Niemand muss warten, bis die Leichtigkeit plötzlich und unerwartet über ihn kommt – man kann sie auch in sein Leben einladen. Zum Beispiel mit kleinen Ruheund Stilleerfahrungen, einer auf dem Balkon genossenen Tasse Tee oder einer ausgiebigen Dusche, die man sich gönnt, statt schnell noch den Geschirrspüler auszuräumen. Es gibt im Alltag lauter kleine Gelegenheiten, innezuhalten und in sich hineinzufühlen. Es lohnt sich, wie ein Schatzsucher nach ihnen Ausschau zu halten. Auch Bewegung und viel frische Luft sind zwei sehr gute Freunde der Leichtigkeit.
Und wer vorausschauend am Abend das Lieblings-T-Shirt der Teenie-Tochter noch schnell zum Trocknen auf die Heizung legt, der freut sich morgens über ein strahlendes Kind, das einen für zehn Minuten für die beste Mama hält. Glück kann ganz einfach sein. Leichter zu leben heißt auch, mit Vergangenem abzuschließen, alten Groll zu begraben, die Ansprüche der anderen nicht länger zu den eigenen zu machen oder endlich von einem unerreichbaren Ziel abzulassen. Muss es unbedingt ein eigenes Haus sein? Und wenn die Versöhnung mit der Freundin einfach nicht gelingen will, vielleicht ist es dann besser, sie in Frieden aus unserem Herzen zu entlassen Das ist nicht immer einfach. „Gelassenheit ist eine Lebensaufgabe, die man nicht in ein paar Minuten, Tagen oder Wochen hinter sich bringen kann. Lassen Sie sich Zeit“, rät Thomas Hohensee. Und wenn wirklich wieder einmal alles grau in grau erscheint, bleiben Sie trotzdem dabei, dass es bestimmt bald wieder heller wird. Leichtigkeit ist nämlich auch die Kunst, selbst in dunklen Stunden an kleine Wunder zu glauben.
Quelle: Für Sie, Ausgabe 18/2011


