Autor: Amelie Fried
Amelie Fried, 51, ist Bestseller-Autorin und Fernsehmoderatorin („Die Vorleser“). Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von München.
Kennen Sie das? Sie sind auf einer Party, amüsieren sich köstlich, plaudern und lachen. Irgendwann gehen Sie zur Toilette. Beim Händewaschen sehen Sie sich im Spiegel an und stellen fest, dass Ihre Wimperntusche bis zum Kinn verlaufen ist und ein Blättchen Petersilie zwischen Ihren Schneidezähnen steckt. Sie möchten in den Erdboden versinken, vorher aber noch Ihren Mann umbringen, der den ganzen Abend neben Ihnen stand und kein Wort gesagt hat. Später, zur Rede gestellt, wird er sich damit entschuldigen, dass er es nicht bemerkt hätte.
Wir sind geneigt zu fragen, was Männer überhaupt bemerken, aber das ist ein anderes Thema. Wenn man einigermaßen menschenfreundlich veranlagt ist, möchte man anderen solche Peinlichkeiten eigentlich ersparen, nicht wahr? Die Frage ist nur, wie man das anstellen soll, ohne dass es noch peinlicher wird. Wenn es sich um jemanden handelt, der einem nahesteht, ist es einfach. Ein geflüstertes „Schatz, du hast da was“ und ein diskreter Hinweis, wo sich die Problemzone befindet, schon ist der Soßenrest im Mundwinkel oder die Nudel auf der Manschette (wie kommt die da bloß hin?) entfernt.
Was aber tun, wenn wir die Person nicht so gut kennen oder es sich um jemanden handelt, der hierarchisch über uns steht? Geradezu zwanghaft heftet sich unser Blick auf die bekleckerte Krawatte oder das an der Jacke baumelnde Preisschild des Personalvorstandes, aber wir trauen uns nicht, was zu sagen. Irgendwie finden wir es zu… intim. Lieber nehmen wir in Kauf, dass er sich weiter lächerlich macht. Dabei wären wir in der gleichen Situation sicher dankbar, wenn uns jemand retten würde. Aber es gibt weit Schlimmeres als Flecken oder baumelnde Preisschilder.
Neulich wohnte ich einer Szene bei, die mir jetzt noch den Schweiß auf die Stirn treibt. Zu dritt standen wir um unseren Gastgeber, an dessen Nase etwas hing, was da nicht hängen sollte. Angestrengt betrieben wir Partykonversation mit ihm, ohne dass der arme Kerl ahnte, in welch prekärer Lage er sich befand. Die ganze Zeit überlegte ich fieberhaft, was schlimmer für ihn wäre: wenn er das Malheur später vor dem Spiegel selbst entdecken würde oder wenn einer von uns ihn darauf hinwiese. Ich kam zu keiner Lösung. Vermutlich gibt es auch keine. Bis ans Ende meines Lebens werde ich zwangsläufig bei jeder Begegnung mit dem Mann an diesen Moment denken. Hoffentlich geht’s ihm nicht genauso.
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Amelie Fried
Quelle: Für Sie, Ausgabe 03/2010