Autor: Amelie Fried
Amelie Fried, 50, ist Bestseller-Autorin und Fernsehmoderatorin („3 nach 9“). Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von München
Neulich las ich einen Roman über einen Mann, der eines Tages beschließt, zu allem Ja zu sagen. Zu jeder Frage, jedem Angebot, jeder Bitte – und seien sie noch so abstrus. In kürzester Zeit wird sein Leben bunt und bewegt: Er gewinnt 25 000 Euro und verliert sie wieder, bestellt jeden Quatsch, den das Internet ihm anbietet, vom Dampfdruckreiniger bis zum penisverlängernden Pflaster, gibt jedem auf der Straße Geld, der ihn darum anhaut, und tut auch sonst alles, was andere von ihm wollen.
Das führt zu hohen Schulden, aber auch zu einer Menge interessanter Erlebnisse. Am Ende hat er nicht nur einen neuen Job und eine neue Freundin, er hat auch gelernt, auf eine erwachsene Weise Ja zum Leben zu sagen. Die Idee hat ihren Reiz, finde ich. Wie schnell sind wir dabei, Nein zu sagen, wenn uns jemand einen ungewöhnlichen oder überraschenden Vorschlag macht – nicht auszudenken, was wir deshalb schon verpasst haben! Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an dem jungen Mann nehmen.
Die Katze des Nachbarn in Pflege nehmen, obwohl wir allergisch gegen Tierhaare sind? Ja! Mitten in der Nacht nach Italien fahren, nur weil ein Freund es vorschlägt? Ja! Ein knallgelbes Kleid kaufen, obwohl Blonde angeblich kein Gelb tragen sollen? Ja! Einen neuen Job annehmen, der einen reizt, vor dem man aber Angst hat? Ja! Wer weiß, was für aufregende Erfahrungen wir machen könnten, wenn wir manchmal über unseren Schatten springen und Ja sagen würden, obwohl wir Nein denken.
„Vielleicht sollten wir einfach mal mitten in der Nacht nach Italien fahren, nur weil ein Freund es vorschlägt.“
Vielleicht stellen wir fest, dass wir gar nicht so allergisch gegen Katzen sind. In Italien verlieben wir uns in einen Italiener, obwohl wir kein Italienisch können. Wir erkennen, dass Gelb uns atemberaubend gut steht – warum haben wir das nicht früher schon mal ausprobiert? Und was den neuen Job betrifft: Nur wer riskiert zu scheitern, hat Aussicht auf Erfolg. Während ich das hier schreibe, wird in meinem Dorf ein junger Familienvater zu Grabe getragen.
Er hätte bestimmt gerne Ja zum Leben gesagt, aber eine heimtückische Krankheit hat ihm keine Chance dazu gelassen. Wir, die wir noch Ja sagen können, sollten unsere Chance nutzen. Ja! Ja! Ja! Auch ich werde ab jetzt öfter Ja sagen, habe ich beschlossen. Gerade wird mir per E-Mail ein penisverlängerndes Pflaster angeboten. Manchmal ist es nicht einfach, seinen Vorsätzen treu zu bleiben. Aber davon sollten wir uns nicht entmutigen lassen!
Quelle: Für Sie, Ausgabe 08/2009