Interview
Die Pflicht zur Schönheit

Hässlichkeit ist neuerdings verboten, sagt die spanische Schriftstellerin Alicia Giménez-Bartlett. Sie hat sich intensiv mit dem Zwang zur Perfektion beschäftigt
Die Pflicht zur Schönheit

Hierzulande werden jährlich über 400 000 Schönheitsoperationen durchgeführt, vor allem Fettabsaugungen. In den USA boomen Botox und Brustvergrößerungen, in Asien nehmen Frauen gefährliche Bleichmittel, um hellere Haut zu bekommen. Warum dreht sich die Welt um die Schönheit?
Tatsächlich ist Schönheit heutzutage kein Ideal mehr, sondern eine Norm. Hässlichkeit wird in unserer Gesellschaft nicht mehr geduldet. Weil es so viele Möglichkeiten gibt, sein Äußeres zu beeinflussen und den körperlichen Verfall aufzuhalten: Schönheitschirurgie, Kosmetik, Fitnessstudios. Wer da nicht mitmacht, wer diese ganze Angebotspalette ignoriert, gilt im Grunde als verachtenswert: Der lässt sich gehen. Auch ich ertappe mich im Alltag gelegentlich bei dem Gedanken: Na ja, die Gute mag keine Schönheit sein, aber sie könnte doch auf ihre Haare achten. Oder dieses trutschige Brillenmodell auswechseln. Auch ich habe komplett verinnerlicht, dass wir Frauen die Pflicht haben, uns nach Kräften zu bemühen. Wenn du hässlich bist, bist du hässlich, das lässt sich nicht ändern. Aber du musst wenigstens dein Bestes geben, dich schminken, vorteilhafte Kleidung kaufen und so weiter.

Sie beschäftigen sich seit längerer Zeit mit dem Thema Schönheit und haben auch ein Buch über den gesellschaftlichen Zwang zur Perfektion geschrieben. Müssten sich Frauen diesem Zwang nicht entziehen?
Ich verurteile in dieser Frage niemanden. Ich werde keine 80-Jährige verlachen, die versucht, sexy auszusehen, und sich groß herausputzt. Wenn sie sich dabei gut fühlt, bitte sehr. Letztlich ist der Körper das Einzige, was uns wirklich gehört. Das, was wir mit ihm anstellen, ist eine persönliche Entscheidung.


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© Merten Worthmann
Quelle: Für Sie, Ausgabe 03/2009