Seite 2 aus dem Artikel: Handwerksberuf: Krippenbauerin
Üppige Miniaturwelten


Üppige Miniaturwelten

Wärme, dieses Wort kommt ihr oft über die Lippen. Und ist in jeder ihrer Krippen spürbar. Etwa fünfzehn hat sie im Laden ausgestellt, der sich an die Werkstatt anschließt. Zwei, drei Modelle sind eher schlicht und zurückhaltend gestaltet, bei anderen teilen sich eine Menge Gebäude und Figuren den wenigen Platz. „Das Schlichte fällt mir schwer, ich baue lieber üppig“, sagt sie. Mehrere Monate arbeitet die Krippenbauerin mitunter an einem Entwurf. Besucher brauchen meist Stunden, um sich für eine zu entscheiden: Jedes Stück hat seinen besonderen Reiz. „Ich will bei jeder Krippe das Gefühl haben, dass ich selbst gern dort sein würde. Weil alles so aussieht, wie ich es in meiner Kindheit erträumt habe.“ So stecken die Krippen voller Details: Scheunentore, die aus Eichenholz und Resten alter Butterfässer zusammengesetzt sind und die leise knarzen, wenn man sie behutsam aufzieht. Die Dächer tragen krumme Schindeln, an denen sich Staub zu Spinnennetzen verfängt. „Das lasse ich so. In einer Krippe darf nichts sauber und akkurat sein – dann ist es vorbei mit der Atmosphäre.“ Den halb abgedeckten Schuppen neben der Scheune schützt ein rostiges Blech vor dem Regen, im Misthaufen daneben steckt eine Gabel, im Heu eine Sichel. Und dazwischen tummeln sich immer wieder Hühner. „Die mag ich am liebsten: Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden und habe oft stundenlang im Hühnerstall gesessen – dort war es immer schön warm.“

Während sich Anne-Grete Friedemann erinnert, fahren ihre Finger über die Platte und stapeln in der Luft Steine zu einer Mauer. Dann beschreiben sie einen imaginären Zaun, hinter dem der Schäfer seine Herde hüten wird. „Und hier könnte ein Fluss fließen“, sagt sie und führt ihre Finger in Wellen hinter Holzlatten entlang, die bislang nur sie selbst sieht. „Davor kommt ein Baum – ich liebe Bäume, die kommen gleich nach den Hühnern.“

Wie sie aus Eichen- und Kiefernholz eine Krippe baut, hat sich Anne-Grete Friedemann vor etwa 25 Jahren selbst beigebracht. „Ich habe früher im Büro gearbeitet und brauchte das Basteln als Ausgleich. Mein Vater war Mühlenbauer, ich bin mit Holz groß geworden. Das hat mir gefehlt.“ Sie besuchte Kurse, las Fachliteratur und ließ sich von Handwerkern erklären, wie die Fasern bei verschiedenen Holzarten laufen, wie sich Stämme am besten trocknen und vor Würmern schützen lassen.

Leidenschaft für Holzkunst

Schon die ersten Krippen überzeugen die Trierer Handwerksrolle: 1991 erhielt die Künstlerin den Meisterbrief als Holzbildhauerin. „Inzwischen sind Krippen mein Leben“, sagt sie. Und umgekehrt spiegelt sich Anne-Grete Friedemanns Leben in ihren Werken. Denn jeder Spaziergang, jede Jogging-Einheit wird genutzt, um Material zu sammeln. „Ich habe immer eine Tüte dabei“, sagt die Krippenbauerin und zeigt einen kleinen Drahtbügel: „So etwas findet man nur noch auf dem Feld. Da sind Bauern früher mit ihren Leiterwagen langgefahren und haben solche Dinge verloren.“ Sie knipst ein kleines Stück ab, biegt es zu einem Kreis und klopft ihn auf dem Schraubstock platt. „Der perfekte Beschlag für ein Scheunentor.“

Selbst im Urlaub kann Anne-Grete Friedemann vom Krippenbauen nicht lassen. „Jutesäckchen zusammennähen – das macht mir eigentlich nicht allzu viel Spaß. Aber am Strand geht es dann doch ganz gut.“ Wenn das Nähen erledigt ist, sammelt sie in der Ferne alles, was die Eifel-Krippen zu Hause schmücken könnte. So klebt etwa ein abgestorbenes Palmenblatt aus Kuba als Gitter vor einem Kellerfenster, eine vertrocknete Frucht aus Namibia steht als winterlich karger Baumstamm vor der Scheune. „Ich habe so viel zusammengetragen, das reicht mindestens für die nächsten 20 Jahre.“

Mit dem Krippenbau aufzuhören, kann sich Anne-Grete Friedemann nicht vorstellen. „Aber vielleicht arbeite ich in zehn Jahren nicht mehr sieben, sondern nur noch drei Stunden am Tag.“ Ihren Beruf macht sie mit Leidenschaft und künstlerischer Individualität. Auftragsarbeiten passen nicht zu dieser Haltung. „Ich gestalte alle Krippen so, wie ich sie mir vorstelle.“

Kunstwerke aus Holz

Zur jeweiligen Krippe kann man sich die passende Heilige Familie auswählen, die Anne-Grete Friedemann aus Werkstätten in Süddeutschland und Italien bezieht. Dutzendfach stehen Maria, Josef und das Jesuskind auf Regalböden in einem Bauernschrank, mal fein bemalt, mal Holz natur. „Ich mag am liebsten die, die beweglich sind und Kleidung tragen.“ Und von den Tieren? „Die Schafe mit Locken im Fell und natürlich die Hühnchen.“ Sagt sie, greift sich eines, stellt das Tier auf die Arbeitsplatte. Dann löscht sie das Licht, schließt die Tür und steigt die Treppe hinauf ins Wohnzimmer. Weihnachten ist vorbei – für heute. 

Ihre Krippen verkauft Anne-Grete Friedemann im Laden direkt neben ihrer Werkstatt: Im Mühlengrund 6, 54317 Korlingen (bei Trier). Schlichte Krippen mit Überstand kosten ab 700 Euro, aufwendigere Modelle sind teurer. Krippenfiguren gibt es in verschiedenen Holzarten, die Heilige Familie in lasierter Ausführung kostet ab 74 Euro. Besucher können sich telefonisch anmelden unter 0 65 88/72 98 – dann stehen sogar Kaffee und Kuchen bereit. Lesen Sie im nächsten Heft unsere Folge über die Glasmalerin Elisabeth Schillings aus Frankfurt. 


Schlagwörter: handwerk, job, karriere
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Quelle: Für Sie, Ausgabe 26/2009

Autor: Kathrin Halfwassen