Report: Erziehung
Behütet groß werden

Behütet, umsorgt, gefördert – so werden heute viele Kinder groß. Perfekt, oder? FÜR SIE-Autorin Almut Siegert bedauert, dass bei so viel Fürsorge kaum noch Zeit bleibt zum Pfützenspringen, Rumtreiben und Langweilen
Behütet groß werden

Ein ganz normaler Montagnachmittag um halb vier in der Ganztagsgrundschule Ludwigstraße im Hamburger Schanzenviertel. Auf dem schön gestalteten Schulhof mit vielen Bewegungsangeboten tummeln sich die Kinder. Und mit fast ebenso vielen Eltern stehe ich unter der großen Platane am Schultor – Abholzeit! Man könnte uns eigentlich auch „Generation Fahrradhelm“ nennen. Wir, die engagierten, bürgerlichen Mütter und Väter von heute, kümmern uns und überlassen nichts dem Zufall. Wir bringen unsere Kinder noch im späten Grundschulalter selbstverständlich jeden Morgen zur Schule, holen sie wieder ab und tragen dabei gern auch mal den Ranzen. Wir organisieren ihre Verabredungen mit Mia, Greta, Paul und Mika schon zwei Wochen im Voraus mit Hilfe des Familien-Terminkalenders an der Küchentür und servieren den kleinen Gästen dann Kekse und Apfelsaftschorle. Und wenn sich die dann langweilen oder streiten, sind wir zur Stelle und regeln die Sache. Wir behüten, umsorgen und fördern unsere Kinder. Und machen uns ständig Gedanken darüber, was alles in ihrem jungen Leben schiefgehen könnte: in ihrer Entwicklung, beim Impfen, bei der Auswahl der richtigen Schule und im Straßenverkehr.

Wir sind vielleicht die besorgteste Elterngeneration, die es je gab. Das Seltsame an der Sache ist: Die Allermeisten von uns haben es selbst anders erlebt. Als wir in den 70er Jahren Kinder waren, behandelten unsere Eltern Probleme aller Art nach dem Grundsatz: „Wächst sich schon zurecht.“ Und es gab einen breiten Konsens, dass Kinder nachmittags im Garten, auf der Straße oder im Viertel spielen sollten, und zwar ohne elterliche Aufsicht. Nach den Schularbeiten hieß es, auch bei Regen: „Raus, spielen. Die Großen nehmen die Kleinen mit!“ Und so trafen wir uns mit einem Dutzend anderer Kinder im Hof, auf der Straße oder an der nächsten Baustelle. Wir spielten „Himmel und Hölle“, „Jungs gegen Mädchen“, Fußball oder Detektiv. Wir haben Autokennzeichen aufgeschrieben, Blödsinn gemacht und uns manchmal auch ganz schön gelangweilt.


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© Almut Siegert
Quelle: Für Sie, Ausgabe 03/2009