Seite 4 aus dem Artikel: Handswerksberuf: Bouchon-Köchin
Gastwirtin mit Kanten


Gastwirtin mit Kanten

Allem Enthusiasmus zum Trotz hat Brigitte Josserand mehr als einmal ans Aufhören gedacht. Vor allem 2005, als ihr Mann starb. „Mir erschien die Schufterei sinnlos. Aber dann ist mein Sohn Benoît eingestiegen. Früher haben wir von neun Uhr morgens bis nach Mitternacht Essen serviert. Ich habe oft in der Küche geschlafen, weil es sich nicht lohnte, wegen der paar Stunden ins Bett zu gehen. Aber dann beschloss ich, mein Sklavendasein aufzugeben.“ Heute hat „Le Jura“ nur noch an fünf statt an sieben Tagen geöffnet, gibt es mittags und abends einen Service, statt 105 Gerichte pro Tag kocht Brigitte „nur“ 50. „Wenn alle Tische besetzt sind, schicke ich die Leute eben woandershin.“ Madames rigorose Management-Haltung hat ihrem Ruf als Gastwirtin nicht geschadet.

2007 bekam die gebürtige Lyonerin die Tourismus-Medaille verliehen. Sie sieht die Auszeichnung auch als Genugtuung für die Schmähungen, die sie einstecken musste. „Ich bin die am längsten amtierende und letzte Bouchon- Köchin der Stadt, und trotzdem haben mich viele niemals akzeptiert. Nur weil ich nicht den Vorstellungen einer Mère entspreche.“

Eine typische Bouchon-Mutter hat dick zu sein, einen Dutt, weite Röcke oder Kleider zu tragen. Die agile 53-Jährige dagegen ist schlank, trägt Hosen und einen raspelkurzen Bubikopf. Brigitte Josserand zieht die Augenbrauen spöttisch nach oben und erklimmt mit sportlichem Schritt die Wendeltreppe, die aus dem Gastsaal zu ihren Privaträumen führt. Ihr bleiben zwei Stunden, bevor es wieder an den Herd geht. Zur zweiten Schicht. Wenn gegen 20 Uhr im Gastraum alle Tische besetzt sind, wird sie kurz aus ihrer Küche eilen, den Spitzenvorhang zur Seite schieben und einen Zettel an die Tür heften: „Wir sind voll – mittags und abends.“


Schlagwörter: handwerk, job, karriere
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Quelle: Für Sie, Ausgabe 08/2009

Autor: Barbara Markert