Keine Angst mehr vor Veränderungen
Die Kraft des Tiefpunkts

Wer in eine persönliche Krise stürzt, sieht oft keine Zukunft mehr vor sich. Doch es gibt sie. Und meist beginnt mit ihr das Drehbuch eines Lebens, das zwar anders ist als zuvor – aber nicht schlechter.
Die Kraft des Tiefpunkts

Als Markus sich morgens um vier neben sie legte und ihr einen Kuss gab, wusste Andrea, 34: Der Mann, den sie zwei Monate später heiraten wollte, hatte eine andere geküsst. Zwar hatte Markus in der letzten Zeit den Namen der neuen Arbeitskollegin immer mal wieder erwähnt, aber nie im Leben wäre die Hamburgerin darauf gekommen, dass zwischen den beiden mehr sein könnte. „Das Datum der Trauung stand fest, die Einladungskarten waren verschickt, alles hätte perfekt sein können“, sagt Andrea. „Als Markus mir am nächsten Morgen gestand, dass er sich verliebt habe und die Hochzeit absagen möchte, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Markus war meine große Liebe, wir waren acht Jahre zusammen, es gab keinen Streit, keine Signale, keine Vorboten. Plötzlich war alles aus. Die Monate nach der Trennung waren die Hölle, aber inzwischen bin ich froh, dass es so gekommen ist.“ Zwei Jahre ist es nun her, dass der Politikwissenschaftlerin der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Doch sie sagt: „Mir geht es so gut wie all die Jahre zuvor nicht. Hätte mir allerdings damals jemand gesagt ,Nimm das, was passiert ist, als Chance‘, ich hätte ihn erwürgt.“

Wer hineinstürzt in eine persönliche Krise, sieht erst mal kein Licht am Ende des Tunnels. Trennung, Krankheit oder Jobverlust – plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war. „Das Leben ändert sich schnell, das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich hin zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf“, schreibt die große amerikanische Essayistin Joan Didion (siehe Buchtipp Seite 67), die erst den plötzlichen Tod ihres Mannes zu verarbeiten hatte und kurz danach den ihrer einzigen Tochter.

Dass das Leben nach einem Schicksalsschlag nicht nur ein anderes, sondern vielleicht ein genauso gutes, manchmal sogar ein reicheres werden könnte, kann sich niemand vorstellen, der gerade aus seiner geordneten Bahn geworfen wurde. Orientierungslos, ungeschützt und verletzlich steht man da – ohne einen Notfallplan in der Tasche, der weiterhilft. Da ist die Angst, nie wieder glücklich zu werden, die Furcht, dass der eigene Pfad eine falsche Wendung nimmt, die sich nicht mehr korrigieren lässt. Dabei kann jede Lebenskrise auch eine Chance bieten. Ein Leben, das ins Wanken gerät, kommt automatisch in Bewegung. Nach dem Tief sind wir nicht mehr dieselben, die wir vorher waren, der Einschnitt zwingt uns, uns zu ändern und neue Wege zu beschreiten.


Schlagwörter: liebe, psychologie, ratgeber
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Quelle: Für Sie, Ausgabe 17/2009

Autor: Eva Lehnen