Durch Ruhe und Besinnung zu neuer Energie
Schweigen - ein befreiender Weg zum Glück

Fernsehen, Handy, Internet – den ganzen Tag prasseln Informationen auf uns ein. Wir haben kaum Zeit, alles zu verarbeiten. Manchmal kann ein stummer Rückzug neue Kräfte mobilisieren 
Schweigen - ein befreiender Weg zum Glück

AN SCHWEIGETAGEN IST ALLES VERLANGSAMT
Birgit-Ursula Nennstiel, 48, Sekretärin aus Kassel Früher fiel es mir vor lauter Aufgaben in Job, Haushalt und Freizeit schwer, untätig zu sein. Heute lege ich regelmäßig Schweigetage ein und merke nicht mal mehr, dass die Zeit vergeht. Alles ist verlangsamt. Ich nehme Geräusche intensiver wahr. Und insgesamt gibt mir mein neues Bewusstsein eine tiefe Zufriedenheit. Laut meinen Freunden bewege ich mich ruhiger und sehen meine Gesichtszüge viel weicher aus.

ICH HABE BEMERKT, WIE LAUT DIE WELT IST
Lena Meichsner, 39, Unternehmens-beraterin aus Ravensburg Im Job habe ich oft viele Nachtschichten eingelegt. Ich dachte, mein Stresspegel ist noch lange nicht erreicht. Bis ich – auch durch private Schicksalsschläge – einen Tinnitus bekam. Meine Rettung war ein Naikan-Schweigeseminar. Da merkte ich erst, wie laut die Welt um mich herum war – und in mir selbst: Stimmen, Sätze, Bilder spukten mir durch den Kopf. Im Seminar habe ich gelernt, bei Stress viel schneller die Notbremse zu ziehen.

SCHWEIGEN IN DER NATUR WAR WIE MEDIZIN
Angelika von Aufsess, 52, Coach aus Hamburg Eigentlich hatte ich nie Existenzangst, aber eine Anspannung, ob es im Job weiter gut laufen wird, habe ich doch latent gespürt. Um runterzukom-men, bin ich zum Wanderschweigen nach La Palma gereist. Das hat meine Wahrnehmung vollkommen verändert. Ich habe die Natur mit allen Sinnen aufgenommen. Es war, so seltsam es klingt, wie Medizin. Ich habe meinen Körper viel bewusster gespürt, und heftigste Verspannungen haben sich gelöst.


Einfach mal nichts sagen – und nichts hören. Das Telefon ausstöpseln, keine Verabredungen treffen, Pflichten ignorieren. Schon den Gedanken daran fand Birgit-Ursula Nennstiel aus Kassel unvorstellbar. Die 48-jährige Sekretärin konnte keine Sekunde still sitzen: Sie arbeitete länger als ihre Kolleginnen, putzte nach der Arbeit die Wohnung, zupfte nachts bei Kunstlicht Unkraut. Sobald sie mal nichts zu tun hatte, meldete sich das schlechte Gewissen. Dann raffte sie sich vom Sofa auf – irgendetwas Sinnvolles würde es schon zu tun geben.

Ähnlich wie Birgit-Ursula Nennstiel geht es vielen Frauen. Jahrelang bewältigen sie einen Alltag ohne Pausen: Nach der Arbeit mit Mutter oder bester Freundin telefonieren, nebenbei im Internet surfen, SMS verschicken. Beim Bügeln die TV-Nachrichten gucken und währenddessen mit dem Partner die Wochenendplanung besprechen – immerzu machen sie alles gleichzeitig. Und immerzu kommunizieren sie mit der Umwelt. Inmitten eines vollgestopften Alltags nehmen wir alle gar nicht mehr wahr, was mit uns geschieht. Birgit-Ursula Nennstiel zum Beispiel merkte nicht, wie sie und ihr Mann sich entfremdeten – bis er sich von ihr trennte. „Mein komplettes Weltbild zerbrach in dem Moment“, sagt sie.

Und plötzlich bekam Ruhe für sie eine ganz neue Bedeutung – zwangsläufig. Denn ihr Mann zog direkt nach der Trennung aus, Birgit-Ursula Nennstiel lebte in dem großen Haus nun ganz allein. „Anfangs fiel es mir nicht leicht, die Stille auszuhalten.“ Dennoch griff sie nicht zum Telefonhörer, um ihre Freundin anzurufen. „Niemand hätte mir mit Worten helfen können.“ Sie hielt die Stille aus, ließ endlich Ruhe zu. Beim Schweigen sortierten sich ihre Gedanken: „Mir wurde klar, wie sehr ich immer auf Anerkennung und Lob hingearbeitet hatte. Auch damit habe ich mir Druck gemacht.“


Schlagwörter: heilen, leben, ratgeber
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Quelle: Für Sie, Ausgabe 02/2010

Autor: Andin Tegen