Minimalismus
Besitztümer: Weniger ist mehr
Mein Haus, mein Auto, meine Antiquitäten? Besitz als Erfolgsbeweis, das galt gestern. Vor allem bei Möbeln und Kleidung setzt sich ein Trend zum Minimalismus durch. Das befreit – nicht zuletzt das Ökogewissen
Eigentlich ist es ja nur ein Sofa. Ein gemütlicher Zweisitzer mit einem orange-braunen, afrikanischen Muster. Aber für Barbara Schubert bedeutet es mehr: das erste Möbelstück, das sie sich nur nach ihrem eigenen Geschmack ausgesucht hat. Ohne sich zu fragen, ob es preiswert oder praktisch genug ist. „Ich habe seit diesem Tag vor etwa zwei Jahren nur noch Dinge gekauft, die zu mir passen“, sagt die 47- jährige Steuerfachangestellte aus Hamburg.
Zwanzig Jahre alte Bettwäsche, Tassen, die sie seit der Ausbildung mitschleppte, Regale aus der Kinderzeit ihrer Tochter – das alles rangierte sie aus und ersetzte es durch wenige, schöne Dinge: vier blaue Teller, zwei große Handtücher aus gekämmter ägyptischer Baumwolle. Die Konsequenz, mit der sich Marquardt mit schönen Dingen umgibt, ist nicht einmal teuer: Sie besitzt weniger Sachen, behält sie länger, behandelt sie besser. Zwar ist die Wohnung, die sie seit dem Auszug ihrer Tochter bewohnt, immer noch ein bisschen leer. „Aber wenn ich abends rein- REPORT komme, habe ich das Gefühl, alle Sachen passen zu mir“, sagt sie. „Und das macht mich glücklich.“
Dass mehr Besitz nicht automatisch zufriedener macht – diese Meinung vertreten mittlerweile 20 Prozent aller Deutschen, hat die Deutsche Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) festgestellt. Dabei gibt es unterschiedliche Gründe, einer Weniger-ist-mehr-Mentalität anzuhängen. Viele sind wie Barbara Schubert qualitätsbewusster geworden und wollen sich in den Dingen, die sie besitzen, auch wiederfinden. „Früher war Besitz ein Ausdruck von Erfolg, heute soll Eigentum auch die Persönlichkeit reflektieren“, erklärt Jens Lönneker, Psychologe und Geschäftsführer des Kölner Rheingold- Instituts. Ein positiver Nebeneffekt dieser Art des Konsums: mehr Nachhaltigkeit! Man überlegt länger, wählt sorgfältiger aus, hat größeren Respekt vor den einzelnen Gegenständen.
Daneben gibt es aber auch immer mehr Menschen, die bewusst überzeugt verzichten: das Auto abschaffen, kritisch prüfen, was in ihrem Einkaufskorb landet, und die lieber wenig, dafür nachhaltig konsumieren. Ilga Eger kauft beispielsweise nur noch fair produzierte Kleidung und davon nicht besonders viel. Die 41-jährige Kölnerin hat immer mehr Besitz weggegeben. Ihre Habe, vor allem Kleidung, passt mittlerweile in zwei Koffer. „Ich habe festgestellt, dass ich nur sehr wenige Dinge brauche“, sagt die Yoga-Lehrerin. In ihrem Bekanntenkreis erfährt sie für diese Lebenseinstellung viel Respekt – auch wenn die meisten ihrer Freunde ganz anders leben. Eger macht sich nichts vor: „Ich bin da extrem und eher die Ausnahme.“
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Anne Otto
Quelle: Für Sie, Ausgabe 23/2009


