Seite 3 aus dem Artikel: Berlins Schatzinsel
Ein Universalmuseum
EIN UNIVERSALMUSEUM ALLER KULTUREN, ALLER MENSCHEN, ALLER ZEITEN
Wenn der Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlins, Professor Michael Eissenhauer, von der Arbeit an den jahrhundertealten Bauwerken spricht, gerät er ins Schwärmen. „Die Museumsinsel ist eine internationale Marke für Berlin, die in einem Zug mit dem Brandenburger Tor und der Reichstagskuppel genannt wird“, so Eissenhauer. „Ein Universalmuseum aller Kulturen, aller Menschen, aller Zeiten.“ Und, ja, er sei stolz darauf, die Gestaltung des bedeutendsten Museumsensembles der Welt begleiten zu dürfen. Eissenhauer erhebt sich, schreitet über das Eichenparkett seines Büros zum Marmorkamin. Auf dem Sims steht ein gerahmter Druck mit der zukünftigen Museumsinsel. „Wir sind ja gerade mal zur Hälfte fertig“, erläutert er. Die Runderneuerungsarbeiten für etwa 700 Millionen Euro werden im Februar 2010 die nächsten sichtbaren Ergebnisse zeigen: Dann wird der Kolonnadenhof eingeweiht und der Grundstein für das neue Eingangsgebäude gelegt, dem einzigen Neubau im Ensemble. 2013 soll dann die Sanierung des Pergamonmuseums beginnen und frühestens 2025 abgeschlossen sein. Parallel wird an der „Archäologischen Promenade“ gearbeitet, die Altes und Neues, Bode- und Pergamonmuseum zum Teil unterirdisch verbinden soll. Die Besucher können dann 6000 Jahre Menschheitsgeschichte auf einem Weg durchschreiten. Dafür, dass die Schätze vergangener Epochen noch lange erhalten bleiben, sorgt Kristina Mösl.
Die Chefrestauratorin der Alten Nationalgalerie ist eine von 750 Mitarbeitern der Museumsinsel und hat mit den 300 ausgestellten Bildern alle Hände voll zu tun. Kristina Mösl sitzt mit weißen Baumwollhandschuhen und einer Stirnlupe in ihrer Werkstatt im ersten Stock der Kolonnaden. Hier, im stillen Behandlungsraum ihrer rechteckigen Patienten, ist sie umgeben von Tageslichtlampen, Heizspachteln, Lötnadeln, Gewichten und Kompressen, die bei Bedarf aufgelegt werden. „Es ist wie beim Arzt“, erklärt sie, „erst kommt die Untersuchung, dann Diagnose und Therapie.“ Fast ein Jahr lang hat sie am Gemälde des deutschen Landschaftsmalers Carl Blechen „Weg nach Castel Gandolfo“ aus dem Jahr 1830 gesessen, das lange Zeit als Kriegsverlust galt und erst letztes Jahr wieder aufgetaucht war. Es zeigt zwei Mönche, die, umgeben von den violetten Schatten der Eukalyptusbäume, einen Bergpfad hinuntergehen. Mösl hat eine Probe kleinster Partikel aus dem Himmelsteil des Bildes entnommen, diese in Gießharz eingebettet und angeschliffen und unter dem Mikroskop festgestellt, dass die schützende Firnisschicht kein Original war. Mit Lösungsmittel wurde sie abgenommen, Lücken in der Malschicht aufgefüllt, retuschiert und eine neue Schutzschicht Harz aufgesprüht – sehr dünn: „Soll ja nicht wie ’ne Speckschwarte glänzen!“ Irgendwann wird es trotzdem nachgilben, doch die Restauratorin sagt: „Mindestens 80 bis 100 Jahre ist es jetzt erst mal wieder gut.“ Es ist eine zeitraubende, aber auch eine schöne Arbeit, die Schätze, die die Insel vereint, für die Nachwelt zu bewahren. Damit diese sie wie die Nofretete auch noch in 3000 Jahren andächtig bewundern kann.
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©
Andreas Wenderoth
Quelle: Für Sie, Ausgabe 03/2010

