Alter spielt keine Rolle
Alter ist nur eine Zahl

Deshalb sollten wir uns davon nicht einschränken lassen. Ein Plädoyer gegen überflüssige Grenzen im Kopf
„Ich will das Leben auskosten – egal wie alt ich bin“

Gudrun von Haslingen, 93, Model
Mit Ende 70 begann die ehemalige Tänzerin und Zirkuskünstlerin ihre dritte Karriere. Damals bewarb sie sich bei der Agentur Seniormodels in München. Heute ist Gudrun von Haslingen 93 Jahre alt – und steht immer noch gern vor der Kamera. „Irgendwann werde ich bei einem Shooting immer gefragt, wie alt ich eigentlich bin. ,Tja‘, sage ich dann, ,wie alt bin ich? Was denkt ihr denn?‘ Und dann beginnt das große Raten. Mit 68 fangen die meisten an, steigern sich dann langsam. 70? Nein. 72? Nein. Älter? Na gut, dann 74. Auch nicht. Noch älter?! Ja! Wenn ich sage, dass ich 93 bin, sind alle unglaublich erstaunt. Das passiert mir ständig. Als ich neulich bei einem Arzt war, der mich nicht kannte, sagte er: ,Mit Ihrer Karte stimmt etwas nicht, da ist ein falsches Geburtsdatum angegeben.‘ So ist das halt: Ich bin über 90, auch wenn ich nicht so aussehe. Ich habe noch nie übers Alter nachgedacht, man darf das nicht so wichtig nehmen. Natürlich habe ich meine Zipperlein, und es strengt mich heute mehr an, einen Tag lang vor der Kamera zu stehen, als früher. Die anderen im Seniorenstift staunen immer, dass ich dafür noch Kraft aufbringen kann. Aber mir macht es unglaublich viel Spaß. Ich will das Leben auskosten – egal wie alt ich bin.“

Die blonden Locken fallen ihr ins Gesicht, auf den Augenlidern glitzert goldener Lidschatten. Sie lächelt leicht. Wirkt zart, fast zerbrechlich auf dem Cover ihres aktuellen Albums. 20, maximal 30 Jahre alt würde man sie schätzen, die Sängerin der Berliner Band 2raumwohnung. Aber Inga Humpe ist 53. Die? Über 50? Das ist die typische Reaktion. Ja, klar, es gibt Madonna, die ist auch schon 51 und Popstar. Aber das ist eine andere Geschichte irgendwie, das ist Hollywood, da ist alles möglich. Inga Humpe hingegen ist näher dran, ist realer als Madonna. Deshalb sind alle so erstaunt. Fast in jedem Interview wird sie darauf angesprochen, dass sie nicht so alt wirkt, wie sie ist. Sie selber kann’s schon nicht mehr hören. Sie denke nicht an ihr Alter, es würde ihr nichts erzählen, sagte Humpe neulich in einem Interview. Sie hat recht: Eigentlich erzählt das Alter auch nichts.

Es ist nur eine Zahl. Und doch hat diese Zahl Macht. Denn sie ist fest verknüpft mit Klischees. Wir haben bestimmte Vorstellungen davon, was man in welchem Alter tut, zu welchen Leistungen man fähig ist. Marathon laufen als 70-Jährige? Ungewöhnlich. Mit über 90 noch als Model vor der Kamera stehen? Noch außerordentlicher. Und eine Anfang 20-Jährige, die ein Orchester dirigiert? Auch das existiert nicht in der angestaubten Welt der Vorurteile. Da sind Dirigenten ehrwürdige alte Herren mit grauen Haaren. Da haben junge Frauen andere Dinge im Kopf als klassische Musik und Dirigieren.


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Quelle: Für Sie, Ausgabe 23/2009